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Ich bin frischgebackener Rettungssanitäter. Es war nicht mein erster Toter, aber viele hatte ich auch noch nicht.

Bisher war die Nachtschicht recht ruhig, sogar drei Stunden Schlaf hatten wir bekommen. Der Alarm geht: auf Atemnot, kommt häufiger vor, denkt man sich nicht viel dabei. Auf der Anfahrt döse ich noch mal bisschen vor mich hin.

 

Wir kommen die Treppe rauf und schon der erste Blick ins Schlafzimmer noch auf halber Höhe der Treppe genügt, um die Situation einzuschätzen: Eine Hand hängt schlaff unter der Decke hervor.

Sieht nicht gesund aus. Könnte auch tot sein.

Oben auf dem Treppenabsatz: Der Patient liegt flach im Bett und sieht uns nicht an, als wir reinkommen. Schlechtes Zeichen.

Könnte wirklich tot sein.

Drei Schritte weiter: Die Gesichtsfarbe ist nicht mehr gerade ein lebendiges Rosa … Eher grau-blau. Jetzt kann ich auch die Atmung sehen und hören: Die ist nicht mehr normal, er schnappt nur noch hin und wieder mal nach Luft. Der ist wirklich so gut wie tot. Fast Gewissheit:

Da fangen wir gleich das Drücken an.

Das EKG zeigt nichts Schönes mehr an, Puls ist auch keiner mehr da. Gewissheit:

Jup, da ist sie, die Reanimation.

 

Bei diesem Gedanken macht es beim Rettungsdienstler klick, jetzt wird ein Schema abgespult, das man in der Ausbildung bis zum Umfallen gelernt hat.

Kurze Worte werden gewechselt, es läuft wie am Schnürchen: Wir beginnen mit der Wiederbelebung. Der Kollege und ich wechseln uns mit Drücken und Beatmen ab, die Kollegin behält den Überblick und macht die übrigen Aufgaben.

Absprachen, wer was übernimmt, kommen in kurzen knappen Sätzen. Eine Maßnahme, die man nicht so oft macht, steht an: Der Kollege, der gerade dran wäre, ist etwas unsicher: „Ich hab das noch nie gemacht.“ – „Ich kann das machen.“ – „Gut, dann du nach dem nächsten Tausch.“ Wenig Worte, aber alles Wichtige geklärt. Läuft.

Der Notarzt kommt ein paar Minuten später dazu, sieht, dass wir alles im Griff haben und lässt uns alleine weitermachen. Er findet derweil raus: 82 Jahre, jede Menge Vorerkrankungen. Das wird nichts mehr. Wir hören auf.

Wir bauen unser Equipment wieder ab. Legen den Patienten wieder ins Bett. Kümmern uns um die Pflegerin, die etwas aufgelöst ist. Telefonieren mit der Tochter. Packen zusammen und gehen.

 

Gedanken wie „Wie schrecklich!“, „Mein Gott …“ oder „Der arme Kerl“ kommen mir nicht. In diesem Alter friedlich einschlafen … Für uns gibt es Schlimmeres. Wir haben gelernt, damit umzugehen.

Jetzt wieder auf die Wache, Material nachfüllen und wieder ab ins Bett, vielleicht schaffen wir noch ein Stündchen Schlaf, bevor die Tagschicht kommt.

Fazit: Die erste Schicht mit der neuen Kollegin und es hat gleich super im Team funktioniert. Es wurde zu keiner Zeit hektisch. Am Morgen zum Abschied: „Danke, war ne gute Schicht. Angenehmes Arbeiten mit dir. Gerne wieder!“ Das bezog sich nicht auf die Patienten, sondern auf das Arbeiten miteinander. Patienten haben wir viele, Kollegen nur wenige.

Heim, Schlaf nachholen. Gute Nacht.

 

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Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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