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Ein Telefonat genügt, um die Menschen in deiner Nähe zu verändern. Ein einziger Anruf. Wissen wir das nicht alle? Nein, bevor wir es erleben, denken wir nur – wissen nicht. „Warum ist Papa so traurig?“, fragte ich, nachdem das Telefonat beendet war. Oma Emilia war tot. Ich hatte sie schon länger nicht gesehen, weil sie bei ihrer ältesten Tochter im Ausland lebte – viele Autostunden von uns entfernt. Leider. Wie sehr hatte sie mir gefehlt! Und wie stark würde sie mir künftig fehlen? Jetzt, da ich wusste … Nie wieder würde ich Oma Emilia sehen, nie wieder umarmen. Nie wieder würde ich mit ihr sprechen – nicht einmal am Telefon. Und nie wieder würde ich eine Oma haben. Sie war meine letzte. Weinen. Wut. Mitgefühl mit dem eigenen Vater. Unendlich viele Fragen im Kopf. Wie war es Oma zuletzt ergangen? Was hatte sie in den letzten Minuten gefühlt und gedacht? Wie ging es ihr jetzt? Gar nicht? Viele Gespräche, mehrere Tage und eine lange Autofahrt später stand ich vor dem Haus meiner Tante irgendwo in einem schlesischen Dorf. Selbst hier war es nie zuvor so leise gewesen. Der Tod lag in der Luft und hinter der Haustür meine Oma im offenen Sarg. Der Reihe nach gingen Verwandte und Bekannte hinein, um sich von der Verstorbenen zu verabschieden. Von meiner Oma Emilia? War wirklich sie dort? Wollte ich sie überhaupt sehen? So … tot? Meine Eltern rieten mir davon ab. Das heißt, Mama meinte, es sei für mich als Kind besser, Oma lebendig im Gedächtnis zu behalten. Papa war nicht in der Lage, viel zu sagen. Die Trauer saß tief. Umso entschiedener forderten mich einige der Verwandten und Dorfbewohner dazu auf, mir die Verstorbene anzuschauen. Wozu? Ich frage euch: Wozu? Ich wusste nicht, was ich wollte. Man schob mich hinein – zwang mich. Du musst dich der Masse beugen. Dorftradition. So stand ich am Sarg und blickte der Oma ins Gesicht. Der Oma, meiner Oma … Nein, das war sie nicht. Etwas aufgequollen und ungewohnt leblos lag sie da. Wie – ein Schatten der richtigen Emilia? Irgendwie schon. Ganz genau wollte ich es in dem Augenblick nicht wissen. Ich wollte nur noch raus. Ganz schnell, um endlich wieder zu atmen. Zwischen den Menschen hindurch, die gierig Stück für Stück Richtung Sarg rückten. Ich schnappte nach Luft. Fast die ganze Zeit hatte ich nicht geatmet, um den Tod nicht hineinzulassen. In mich. Diesen Geruch, der eigentlich nur ein Gefühl war. Was heißt hier „nur“? Ich hatte den Tod gesehen. Einen zurechtgemachten, geschmückten Tod. Die Präsentation einer Toten. Dabei sehnte ich mich noch Monate später nach dem Anblick meiner lebendigen Oma Emilia. Ich wollte nicht die Tote vor Augen haben. Die machte mir Angst. Sie war eine kalte Fremde. Ich wollte spüren, wie die echte Emilia irgendwie weiterhin für mich da war. Auf mich achtete. Sich unsichtbar um mich kümmerte und mir zuhörte, wenn ich stumm zu ihr sprach. Da war eine tote Hülle begraben, nicht Oma Emilia.

 

Alexandra Klöckner

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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