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… and I think to myself, what a wonderful world. (Louis Armstrong)

Er saß auf dem Geländer der Brücke. Es war ein kalter Sonntag im Winter und überall lag der schmutzige Matsch des Schnees. Er wollte springen, traute sich aber noch nicht. Also nahm er noch einen tiefen Zug aus der Whiskeyflasche, die er seinen Eltern aus der Hausbar geklaut hatte, und an deren Stelle nun sein Abschiedsbrief lag. Er hatte ihn schnell geschrieben, ohne großartig darüber nachzudenken, allen seinen vermeintlichen Freunden gedankt und klargemacht, dass nur er selbst schuld an seinem Tod sei, dass sich keiner die Schuld geben und sich keiner verantwortlich machen solle für sein Ableben, er hatte den Brief mit der Hand geschrieben, wie lange hatte er bis zu diesem Brief nicht mehr mit der Hand geschrieben, er wusste es nicht. Es war auf jeden Fall lange her, er hatte überhaupt schon lange nicht mehr geschrieben. Es war ihm schwergefallen, in einer leserlichen Schrift zu schreiben, das amüsierte ihn ein wenig, dass er nicht mehr richtig schreiben konnte, aus der Übung gekommen war. Dann hatte er Abschied genommen von seinen Sachen, ein letztes Mal sein Zimmer ein wenig aufgeräumt (seine Mutter hatte ihn jeden Tag darauf gedrängt, doch endlich mal aufzuräumen, das hat sie nun davon, dachte er im Stillen). Er wollte nicht, dass andere denken, sie seien schuld an seinem Tod, obwohl sie das das natürlich waren, dachte er sich, wieso mussten sie ihn auch sein Leben lang jeden Tag schikanieren, ärgern und schimpfen. Oh, er hasste sie alle, er hasste sie aus tiefstem Herzen.

Am liebsten hätte er sich eine Waffe besorgt und alle erschossen, die ihm sein Leben zur Hölle gemacht hatten, aber ich bin zu feige, dachte er, ich bin zu feige für das Leben. So saß er jetzt da und wusste, es gab kein Zurück mehr. Der Brief lag an seinem Platz, er hatte Abschied genommen und beschlossen, wenigstens dieses eine Mal in seinem Leben das zu tun, was er sich vorgenommen hatte, auch wenn es das Letzte sein würde, was er tat. Es war mittlerweile früher Abend und es wurde langsam dunkel. Er wusste, dass seine Eltern jetzt bald nach Hause kommen und in spätestens drei Stunden anfangen, sich Sorgen zu machen und dann nach ihm suchen würden, seine Mutter würde in sein Zimmer gehen (oh, wie hasste er es, dass sie immer in sein Zimmer ging, er hatte keinen Schlüssel) und sehen, dass er aufgeräumt hatte, er glaubte, dass sie das doch sehr verwundern würde. Dann würden seine Eltern wie jeden Abend den Whiskey aus dem Schrank holen wollen, der dann aber nicht da wäre. Stattdessen würden sie seinen Brief finden und das einzig Bedauerliche an seinem Tod war seiner Meinung nach, dass er den Gesichtsausdruck seiner verhassten Eltern beim Lesen des Briefes nicht sehen konnten. Er hasste sie wirklich, er bekam fast Angst, so sehr hasste er sie. Er fragte sich, ob sie ihn nur gezeugt hatten, um ihn unmenschlich zu behandeln.

Er wünschte sich, nie geboren worden zu sein, dann müsste er jetzt nicht all seinen Mut zusammennehmen, um sein Leben zu beenden. Ihm fiel plötzlich wieder ein, dass er früher wahnsinnige Angst vor dem Tod gehabt hatte und er wusste nicht, wieso er diese Angst jetzt nicht mehr hatte. Er freute sich darauf, all die Last und den Schmerz, die auf ihm lagen, mit einem Mal hinter sich zu lassen. Vor wenigen Tagen hatte er geträumt, dass er erschossen wurde, das Gefühl, als er tot zusammensank, hatte er als sehr angenehm empfunden.

Er war gespannt darauf, was nach dem Tod sein würde, er freute sich sogar, denn er glaubte an so etwas wie das Paradies. Eine wundervolle, unbeschwerte, körperlose Zeit, in der es keinen Streit und keinen Hass gibt, einen gegenteiligen Ort zu dieser Welt. Früher war das ja alles noch zu ertragen gewesen, der ewige Streit mit den Eltern, die dauernden Beleidigungen seiner Mitschüler und auch die ganzen anderen Probleme; alles hatte sich unterdrücken und – wenigstens teilweise – vergessen lassen. Aber als dann vor einem halben Jahr sein bester Freund starb, da ging gar nichts mehr. Er versuchte es immer wieder, bemühte sich, neue Freunde zu finden, die ihn wenigstens ansatzweise so gut verstehen könnten wie sein verstorbener bester, nein eigentlich einziger Freund. Aber er merkte, dass er ein Einzelkämpfer war. Er beneidete seine Mitschüler, die nach der Schule zusammen loszogen und Spaß hatten, er wünschte sich so sehr, dass sie ihn auch einmal fragen würden, ob er nicht mitgehen wolle, aber dies passierte nie. Im Gegenteil, sie ärgerten ihn stattdessen, lachten über seine Unsicherheit und machten ihm das Leben zur Hölle. Früher, als sein bester Freund noch lebte, hatte er das trennen können. Er hatte ja noch jemanden gehabt, der was mit ihm machte, mit ihm redete und sich für ihn interessierte.

Er hatte begonnen, Gott zu hassen. Bis zu dem Unfall seines Freundes hatte er irgendwie noch ein bisschen geglaubt. Jetzt aber verteufelte, beschimpfte und hasste er Gott, so wie er seine Eltern und Mitmenschen hasste. Gott hatte ihm seinen Freund, seinen Seelenverwandten, weggenommen.

Jetzt freute er sich nur noch darauf, bald tot zu sein. Er sah nach unten, es war unheimlich tief und er hatte Angst. Er wusste, dass er nicht mehr lange warten konnte, weil ihn sonst seine Eltern zwingen zwürden, sein Leben weiterzuleben. Jetzt sah er doch auf die Uhr, er hatte noch eine Stunde. Er nahm einen weiteren tiefen Schluck aus der Flasche, die mittlerweile fast leer war, merkte, dass ihm ein wenig schwummrig war, ein vertrautes und angenehmes Gefühl. Noch eine Stunde, dachte er. Dann ist es aus. Vor zwei Jahren hätte er niemals gedacht, dass er einmal so auf dieser Brücke sitzen würde, damals war er hier jeden Tag mit seinem Freund vorbeigegangen. Er kannte jeden Meter hier, es war so beruhigend abseits von den Straßen und den Menschen. Auf der Brücke hatten sie oft zusammen gesessen, ab und zu ein Bier getrunken, geraucht. Im Sommer konnten sie hier stundenlang sitzen und diskutieren. Der Platz war ihr zweites, ihr schöneres Zuhause, ein Ort der Freiheit. Sie liebten es, den Abhang hinunterzuklettern und im See zu baden –gleich würde sein Leben in diesem See enden. Er sah alles bildlich vor sich, er träumte, malte sich aus, wie schön es wäre, wenn er jetzt nicht alleine wäre.

Dann sah er noch einmal auf die Uhr. Es war Zeit. Er trank die Flasche leer und warf sie voraus. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er hörte, wie sie auf dem zugefrorenen See zerschellte.

 

Johannes Mairhofer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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