417

Reifen quietschen und gequältes Metall kreischt auf. Der laue Frühlingsabend bekommt abrupt eine völlig unpassende Geräuschkulisse. Gliedmaßen werden von ihrem Bestimmungsort abgerissen. Ein Mensch taumelt im Fluge durch die Schatten der untergehenden Sonne. Prallt auf den warmen Asphalt, hebt wieder ab und schlägt erneut voller Wucht hin. Erst schnell, dann immer langsamer werdend rollt der stumme Körper aus. Hin zum Graben, als wollte er sich dort verstecken. Wie er dort so liegt und vor sich hin blutet, steht die Welt für einige Sekunden erbarmungslos still. Die umstehenden Menschen starren mit verzerrten Grimassen dort hin.

Er liegt da. Scheint zerfetzt, leblos und unglaublich blutig. Erst ein langer Schrei aus dem Dunkel des Helms löst den Schrecken aus ihren Gelenken. Eilig hasten sie hin, wedeln mit den Armen, wissen nicht, was zu tun ist. Den Helm ab. „Nein!“, schreit einer. „Lasst ihn ja auf!“ Alle stimmen ihm zu, viele wollen gar nicht sehen, was sich darunter verbirgt. Leises Röcheln dringt aus der undurchdringlichen Finsternis des Visiers. Ein Daumen wagt sich unter das dunkle Plastik und schiebt es langsam hoch. Keiner atmet. Doch! Er atmet noch. Es ist noch Hoffnung. Die Augen quellen fast hervor. „Warum?“, fragen die Gaffer. „Was hat er denn?“

Eine Hand wischt sich Schweiß aus und jede Menge Blut in die Stirn. Sie schauen ihn entsetzt an, er senkt den Blick dahin, wo seine Hand gerade noch gelegen hatte. Blutige Masse. Nicht näher zu identifizieren. Er dachte, er sei hart im Nehmen. Das ist jetzt vorbei. Er stürzt zu dem Graben und übergibt sich. Er geht heute nicht mehr dahin zurück. Als er fertig ist und in der Ferne die Sirenen zu hören sind, geht er leise nach Hause und weint stundenlang unter der heißen Dusche.

Alle anderen treten weit zurück. Sie trauen ihren Augen nicht. Wollen nicht sehen. Können nicht verstehen. Grauen, das kommt doch nur in Filmen vor. Hier ist kein Film, meine Freunde. Die Sanitäter sprengen heran und bücken sich herunter. Der Arzt ist auch da. Er schaut kurz, reißt die Hose mit der Schere auf. Kurze Anweisungen dringen in die Ohren der Sanitäter. Stunden später ist die Notoperation im Krankenwagen immer noch nicht beendet. Der Rettungshubschrauber wartet. Die Rotorblätter trudeln leise und gemächlich. Sie warten auf ihren rettenden Einsatz.

Auf der dunklen Straße steht ein Lederstiefel mit blutigen Schnittkanten traurig neben dem zerstörten Motorrad. In dem Stiefel steckt noch der Fuß. Am Bordstein sitzt ein junger Mann, schaukelt den Oberkörper hin und her, aus der Tiefe seiner Seele dringt sein Mantra „Ich hab’ sie nicht gesehen, nicht gesehen, nicht gesehen …“ Eine Polizistin streichelt zärtlich seine strähnigen Haare.

 

@zeitenhund

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.