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Wenn man es nüchtern von außen betrachtete, war das Stück Land, auf dem Tobias schwitzte, ein Acker, wie er im Buche stand. Ein Acker, zerfurcht und nur durch Geduld oder einen starken Traktor umzugraben. Der Ertrag stand im schlechten Verhältnis zur eingesetzten Kraft, und doch grub Tobias den Acker mit seinen eigenen Manneskräften um. Er wollte sich selbst, aber vor allem seiner Frau beweisen, dass er so hart und durchhaltevermögend wie seine Ahnen war, die diesen Acker während ihres Lebens umgegraben hatten. Doch es lag noch etwas anderes auf diesem Stück Land …

Der Urgroßvater, von dem Tobias nichts außer dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Todestag wusste, war eines Tages auf dem Acker zusammengebrochen, just in dem Moment, als er gerade mit voller Wucht ausholte, um mitten hindurch durch einen lehmigen, mit Steinen gespickten Klumpen, der in seiner Bahn lag, zu schlagen. Da war sein Sohn, Tobias’ Großvater, bereits längst verheiratet und fort gewesen, um mit seinem Schwiegervater in dessen Manufaktur für Eisenwaren zu arbeiten. An diesem einen Tag jedoch änderte sich nicht nur das Leben des Großvaters, der seinen Vater verlor, auch die Welt erfuhr eine gewaltige Veränderung, als die Deutsche Reichsregierung der Welt den Krieg aufzwang.

Tobias’ Großvater wurde zum Kriegsdienst in der Heimat eingezogen, denn aufgrund eines tauben Beines konnte er unmöglich an der Front kämpfen. Seine neue Arbeit als Munitionshersteller warf jedoch nicht genug ab, um alle Mäuler im Haus zu füttern. Notgedrungen stapfte er deshalb trotz seiner körperlichen Einschränkung nach der Arbeit noch raus auf den Acker und bestellte diesen eine Saison lang. Erschwerend hinzu kam, dass er dabei Räuber aus dem eigenen Ort fürchten musste. Als er deshalb wieder einmal Wache hielt, kamen feindliche Soldaten durch den Wald, der am Acker vorbeiführte und schossen ihn umstandslos nieder.

 

Tobias’ Vater war da gerade im Kindesalter und der einzige Sohn der Familie. Der Mutter blieb nichts anderes übrig, als den Acker selbst zu bestellen. Als Tobias’ Vater alt genug war, ging er dann aufs Feld und rang dem Boden dessen Früchte ab. Dies tat er jedes Jahr in einem wiederkehrenden Rhythmus, genau wie es vor ihm sein Vater und sein Großvater getan hatten, und er fand eine sonderbare Befriedigung in dem Gedanken, trotz eines auskömmlichen Berufes und sozialen Wohlstands die gleiche Arbeit wie seine Ahnen zu erledigen.

 

Die Jahre vergingen, Tobias wurde geboren und wuchs heran. Nun bearbeiteten sie gemeinsam den Acker. Jedoch war Tobias der aus seiner Sicht unsinnige Versuch, dem Boden etwas Gemüse abzuringen, das er viel leichter im Supermarkt kaufen konnte, zuwider. So war es kaum verwunderlich, dass er gleich bei der ersten Möglichkeit mit dem elterlichen Haus auch dem Familienacker entfloh.

 

Bis zu jenem Tag, an dem sein Vater beim Ernten der Kartoffeln einen Herzinfarkt erlitt, bewusstlos zusammenbrach und später starb, kehrte Tobias nicht zurück zu diesem Stück Land, in das die Geschichte der Männer dieser Familie eingeschrieben worden war. Doch am Tag nach der Beerdigung seines Vaters ging Tobias dorthin, an den Ort des Todes seines Vaters. Er fand den Acker in vollem Ertrag stehend, griff sich die zurückgelassenen Gerätschaften und begann, ganz im Sinne seines Vaters, mit der Ernte.

 

Christian Knieps

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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