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Als dieser langhaarige, zwei Meter große Hüne meinen Sittich fraß, wusste ich mir nicht anders zu helfen, als den Vorfall sogleich und unter Schluchzen meiner Tante zu melden.

Álvaro, so hieß der Riese, hatte Jaime, so hieß mein Sittich, natürlich nicht komplett, also mit Haut und Haar, verspeist. Er hatte in den Käfig gegriffen, Jaime mit einer erstaunlich ruhigen, scheinbar betörenden Bewegung zu fassen bekommen, ihn hervorgezogen und gegen das Licht gehalten – wozu das gut gewesen sein soll, weiß ich übrigens bis heute nicht; schließlich war Jaime nicht transparent oder ähnliches – und hatte ihm dann ohne jede Regung den Kopf abgebissen.

Was Álvaro mit Jaimes enthaupteten Überresten machte, wusste ich zunächst nicht, denn ich hatte augenblicklich und taumelnd vor Schreck Reißaus genommen. Erst von meiner Tante erfuhr ich später, dass er den toten Körper Jaimes durch das offene Fenster in den Garten warf, dort hatte sie ihn wenig später gefunden. Auch weiß ich nicht, ob er Jaimes abgebissenen Kopf herunterschluckte oder letztlich ebenso in den Garten spie. Dieses Detail begann mich erst später zu interessieren, als Jaimes sterbliche Überreste zur Beerdigung anstanden.

Meine Tante jedenfalls setzte Álvaro nach diesem Vorfall vor die Tür, ohne die Notwendigkeit einer Erklärung zu sehen; der Fall war schließlich klar.

Dem Anschein nach ist Jaime fünf Jahre alt geworden; zumindest ergaben meine Nachforschungen, die ich ihm zu Ehren eingeleitet hatte, kaum dass er im Garten hinter der rostigen Wasserpumpe seine letzte Ruhe gefunden hatte, dieses Alter. Als Hinterbliebener fühlte ich mich dazu verpflichtet.

Er wuchs auf, wie man als Sittich in unserer in Sittichaufzucht geschulten Republik aufwächst, mit Trockenfutter von Trill.

Ob Jaime zu Lebzeiten glücklich war, vermag ich nicht zu sagen. Sicher, er durfte beinahe jeden Tag ein oder auch zwei Stunden frei im Wohnzimmer herumflattern. Doch reicht das einem Sittich bereits zum Glücklichsein? Oder hat das nicht eher etwas von Offenem Vollzug?

Von seinem schauerlichen Ende abgesehen, mag er ein durchaus erfülltes Dasein gehabt haben. Er litt, soweit ich das sagen kann, nicht einen einzigen Tag Hunger und war bis zuletzt umgeben von Menschen, die ihn liebten.

Sicher hatte auch Jaime davon geträumt, eines Tages eine Familie zu gründen, jedes Waisenkind träumt doch davon, glaube ich. Mein Onkel hatte mir an Jaimes offenem Grab gesagt, wir kämen dem, was sich Jaime unter einer Familie vorgestellt haben mochte, bestimmt sehr nahe. Ein wenig nahm dies Jaimes Beerdigung den Schmerz.

Was aus Álvaro geworden ist, kann ich nicht sagen. Auch kann ich nur darüber mutmaßen, was ihn bewogen haben mochte, Jaime den Kopf abzubeißen.

Manchmal wünsche ich mir, es käme jemand und bisse Álvaro den Kopf ab.

Dann wiederum hoffe ich, jemand mache Jaimes Schicksal öffentlich und erspare so vielleicht anderen Sittichen in unserem Lande ein ähnliches Schicksal.

 

Frank Odenthal

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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