414

Alt – krank – multimorbid – vom Leben und seinen Krankheiten gezeichnet.

Angehörige, die Angst vor dem Tod haben. Rettungsassistenten und Notärzte, die herbeieilen müssen und diesen alten, kranken, multimorbiden vom Leben und seinen Krankheiten gezeichneten Menschen ins Krankenhaus bringen sollen, bringen müssen.

„Der Patient ist doch alt, krank, multimorbid!?“

„Unser Vater, unsere Mutter, jetzt hier sterben!? Darauf sind wir nicht eingerichtet. Nein. Krankenhaus!“

Ein Leidensweg beginnt.

Hat eigentlich jemand den Patienten gefragt, was er will?

Zum Sterben hat er sich hingelegt, er weiß, wann sein Zeitpunkt gekommen ist. Jetzt ist er da, nur lassen tut man ihn, den Patienten, nicht.

Er hat keine Kraft mehr, um sich zu äußern und hofft, dass die Umstehenden seine Situation erkennen. Tun sie aber nicht. Tun sie fast nie.

Kraftlos fügt er sich seinem Schicksal. Die medizinische Maschinerie beginnt.

Venöser Zugang, EKG, Blutdruckmessung: die üblichen Basismaßnahmen.

Kraftlos lässt der Patient es über sich ergehen. Abfahrt ins Krankenhaus. Anmeldung dort mit den Worten: Patient im reduzierten Allgemeinzustand.

Aufnahme: EKG, Blutdruckmessung, Fragen. Reglos liegt der Patient da, eigentlich auf dem Weg des Sterbens, an dem ihn jetzt alle hindern wollen.

„Erkennt denn niemand meine Situation, ich sterbe.“

Stumm murmelt er die Worte, hören tut sie keiner. Er hat nicht die Kraft, seinen Willen zu äußern.

Ultraschall, Röntgen, Laboruntersuchung, Infusionen. Die Maschine läuft. Ein eigener Automatismus, von fast keinem unterbrochen.

Es gibt welche, die sehen das. Pflegekräfte, Ärzte, in der Minderzahl. Sie äußern sich auch, werden aber selten gehört.

Der Weg geht weiter: Station oder sogar Intensivstation, sicher ist sicher, die Angehörigen drängeln.

„Es ist doch unser Vater/unsere Mutter. Hier jetzt sterben, geht gar nicht! Die hat doch beim letzten Besuch noch mit uns gesprochen und Kaffee getrunken. Nun ja, es war sehr klapprig alles, aber es war so.“

„Wann war der letzte Besuch?“

„Vor zwei Monaten.“

Zwei Monate im Alter sind wie zwei Monate bei Kleinkindern. Bei den Einen baut sich viel auf, bei den Anderen ab.

Nun liegt er da, der Patient. Hat sich gefügt in seine Situation, alles läuft nur noch im Unterbewusstsein. Er hört vielleicht noch die Angehörigen mit den Medizinern reden: Gibt es eine Patientenverfügung? Sollen wir Ihn beatmen, wenn es nötig wird, sollen wir eine Dialyse, eine Blutwäsche machen? Herzdruckmassage, Wiederbelebung gewünscht?

Ein toter Patient ist fast wie eine Niederlage in der modernen Medizin. Weil Medizin mittlerweile oft meint, alles zu können. Medizin kann aber nicht alles.

Keiner sieht nach dem Patienten. Keiner sieht den Menschen. Keiner fragt, was der betroffene Mensch selbst will. Keiner deutet die gesendeten Zeichen.

Der Mensch macht sich auf seinen Weg, einsam und alleine. Ein paar, die Verständnisvollen, werden sich um ihn kümmern, die Medizin aber wird erst im letzten Moment von ihm ablassen.

 

Volker Barth

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.