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Die Angst wich mit einem roten Punkt an der Decke. Ein Mädchen aus der Anstalt hatte sich damit versehentlich verewigt. Mit Glasmalfarbe, die auf einmal aus der Tube herausgeschossen kam, ohne dass jemand damit gerechnet hatte. Ein paar Monate später war sie tot und alle hatten damit gerechnet. Denn wenn man hier gelandet war, in „Der Klappse“, dann gehörte Hoffnung nicht zum Tagesgeschäft, sondern vor allem selbstgebaute Melancholie. Der Tod war das Machtspielzeug gegen Eltern, Freunde und Pfleger. Nicht dass man das böse gemeint hätte, das war der kranke Kopf, der die Süße roch. Den sanften Schlummer herbeisehnte, weil man schon längst zu weit gegangen war. Viele hier würden nie Kinder bekommen können. Sie waren zu sehr abgemagert, hatten schon Leben ausgelöscht, ohne ihr eigenes richtig beginnen zu können. Wir waren der Club der Todeskinder. Dürr und unheilvoll.

Später, mit der Postpubertät kam die Angst zurück. Die Sterne schienen einen nachts zu erdrücken. Wie konnte die Unendlichkeit so dreist sein und sich jeden Abend durch die Gardinen hindurch über unseren Schlaf betten. Der rote Punkt blieb. Aber jetzt machte er Angst. Ließ einen selbst im Unverständnis zurück, wie man einst, nur ein paar Jahre zuvor, noch so dumm hatte sein können, den Tod für ein Spielzeug zu halten. Und dann das Gefühl der Einsamkeit. Man war allein mit der Angst, der Rest der Welt lachte und blickte auf das Leben, als sei es eine Erdbeertorte. Hinter ihrem süßen Geruch war Leben. Als ich schon dachte, ich würde mein Leben lang ein Angsthase bleiben, begann ich zu begreifen, dass Trost etwas ist, das man sich suchen muss, weil er nie ungefragt daherspaziert kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht. Das Bizarre war, dass ich Trost ausgerechnet in der Bibel fand, jedoch ohne gläubig zu sein oder zu werden. Denn in den Anfängen des Alten Testaments wird noch deutlich, dass die Menschen gar nicht an ein Leben nach dem Tod glaubten, sondern nur an ein Weiterleben in den Ahnen, in der Familie. In psychischer, wie auch physischer Hinsicht. Das gab mir Auftrieb. Wenn ich mich jetzt manchmal fürchte, denke ich an den Ginkobaum, den man über meiner Asche pflanzen wird, denn Ginkos sterben mit Würde. Wenn sie zu alt sind, um sich zu halten, wachsen Wurzeln aus ihren unteren Ästen, um den Stamm zu stützen. Davor hatte ich eigentlich Angst gehabt: hinzufallen. Und nur einen roten Punkt zu hinterlassen.

 

Moritz Schlenstedt

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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