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Beginne früh, an deinen Tod zu denken

um Abstand einzunehmen für die richtigen Gedanken
um dir Ungehorsam zuzutrauen
um Gewalt als eine Form in der Natur zu akzeptieren
um deine Angst in den ganzen Zusammenhang zu stellen
um deine Atmung nicht als allzu selbstverständlich geschehen zu lassen
um deinem Gegenüber genug Platz zu lassen
um eine Nacht lang neben liebenden Weinbergschnecken zu liegen
um deine Gewohnheiten als solche zu erkennen
um selbst den eigenen Hader zu lieben
um darauf zu bauen, dass richtig ist, was ist
um Glück zu erkennen, wenn es kommt, nicht erst, wenn es geht
um nichts auszulassen, was gut ist
um Vorher und Nachher wenigstens auf den Inseln auszublenden
um daraus Mut zu schrankenloser Freude zu schöpfen
um dem eigenen Unvermögen nicht widerstandslos zu erliegen
um nach der Farbe deiner Iris zu sehen
um die Augen gelassen und das Kinn locker zu halten
um den Ballast täglich etwas auszuräumen
um dann bereit zu sein

 

Ursula Hirsch

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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