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Dass du dann doch das große Glück mir bringst.
Das hab ich nicht gedacht.
Dass du mit deiner Macht dann doch die Tür aufreißt ins Leben.
Das hab ich nicht gedacht.
Dass du mich gar auf Händen trägst, und ich mich nicht mehr fürchten,
nicht mehr halten muss.
Das hab ich nicht gedacht.
In meinen kühnsten Träumen nicht!
Und in den schrecklichen erst recht nicht,
wo doch dein Gesicht das schrecklichste von allen war.
Du Dunkler mit dem Sternenhaar,
der du so unverhofft das Licht mir warst und bist.
Du gibst, was du uns nimmst, in Unermesslichem zurück.
Du richtest auf, wo du zerbrichst.
Du bist der Trost in eben jenem großen Unglück,
das du uns freimütig schenkst.
Und jeden unsrer Schritte lenkst du,
bis wir endlich dir in Armen liegen.
Wo du uns wiegst dann eingehüllt in Ewigkeit
und ewiglich befreit von allem Leid.
Du großer Dunkler du.
Du einzig Sicheres in unsrer Welt.
Du letzter großer Held,
der letzten Endes immer siegt.
Was hab ich dich bekriegt.
Was hab ich dich verfluchen wollen!
Und nun ein Nimmermehr,
ein Danke und Hier will ich ruhn
und mit dir meine Schritte tun.
Weil du allein die Richtung weist,
den Weg durch diese Wirrnis,
dieses leis und laute Sein,
das wir uns täglich bauen,
uns täglich schaufeln aus gebranntem Nichts;
gebannt in Röhren blickend und Erleuchtung kaufend,
laufend rückwärts gehen und nicht sehen,
bis du uns gnädig niederstreckst.
Denn dort im letzten Augenblick entdecken wir,
was wir im ersten Schrei verdrängt:
du bist nicht unser großer Schrecken –

du bist unser gütigstes Geschenk.

 

Maria Magdalena Rabl

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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