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Kennt Ihr entgeisterte Menschen?
Nein?
Aber demente Menschen vielleicht?
Nichts anderes bedeutet Demenz – Entgeistert!
Die Kranken verlieren ihren Geist,
sie verlieren sich im Dunkel des Vergessens.

Anfangs bemerkt der Kranke das manchmal noch,
aber irgendwann
ist er dann
entschwunden.
Zurück bleiben Kinder,
die für den Kranken keine mehr sind,
oder Partner,
die keine mehr sein dürfen.
Manche, sehr starke Angehörige
stellen sich der Herausforderung
und pflegen demente Angehörige.
Das ist schwer,
oft unerträglich schwer.

Ich kenne Demente, die verwechseln das Wohnzimmer regelmäßig mit der Toilette.
Andere vergessen, sich anzuziehen und laufen nackt auf die Straße.
Wieder andere beschimpfen, bespucken und schlagen ihre Angehörigen.
Andere halten plötzlich den Nachbarn für den Ehemann.
Das alles führt bei den Pflegenden zu Frust, Angst und Aggressionen.
Da ist es dann oft besser, die Pflege in die Hände von Profis zu geben.
Den allermeisten Angehörigen fällt das ungeheuer schwer.
Die „liebe“ Nachbarschaft oder auch Verwandtschaft wird gefürchtet.
Sie zerreißen sich das Maul, weil Kranke ins Heim „abgeschoben werden“.

Manchmal gibt es auch skurrile Situationen,
wie bei der alten Dame, die sich über die fremden Menschen in ihrem Schlafzimmer beschwerte.
„Jaja, die Demenz! Jetzt halluziniert sie auch noch!” sagten die Angehörigen.
Bei einem Hausbesuch fielen mir dann die großen, verspiegelten Schlafzimmerschranktüren auf.
Die „fremden Menschen“ waren die eigenen Spiegelbilder!
Es war so skurril für uns „Normale“, es war so komisch und doch so unendlich traurig, wie die alte Dame versuchte, ihr eigenes Spiegelbild zu vertreiben.

Ich habe von einem Pflegeheim gehört, da gibt es einen eingezäunten Garten.
In dem Garten gibt es eine Straße und eine Bushaltestelle.
Manche Demenzkranke haben einen unbändigen Drang, wegzulaufen, wegzufahren.
In diesem Heim dürfen sie auf die Straße und sich an die Bushaltestelle setzen.
Da sitzen sie dann,
oft stundenlang
und warten auf den Bus.
Sie warten auf den Bus, der sie abholen soll.
Vielleicht wollen sie abgeholt werden aus dieser Welt,
die sie nicht mehr verstehen.
Aber der Bus kommt nicht
und so gehen sie,
vielleicht enttäuscht,
aber ohne das Gefühl, eingesperrt zu sein,
wieder in ihr Zimmer.

Dieses Warten auf den Bus ist ein gutes Bild,
denn der Bus, der zurück in unsere Welt fährt,
der kommt nicht!
Und so irren diese Menschen immer weiter,
immer weiter weg von dieser Welt.
Manche gehen schnell,
andere langsam.
Und uns Zurückbleibenden bleibt nichts,
als sie ziehen zu lassen
und aufzupassen,
dass sie sich auf diesem Weg nicht unnötig verletzen.

Irgendwann vergessen die Kranken dann,
wie man geht,
wie man steht,
wie man sitzt,
wie man spricht,
wie man lacht,
wie man weint,
wie man liebt,
wie man hasst,
wie man isst,
wie man trinkt
und dann
irgendwann
vergessen sie

zu leben.

 

Doktor ohne Doktor

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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