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August 2011

Ich war vorgewarnt, aber es hatte nichts genützt. Der Schrecken ist seitdem bei mir geblieben.

Familiengrillen. Wir sitzen drinnen, auf dem Sofa mein Vater, daneben ich. Ich spüre den Schmerz neben mir. Der Schmerz ist hell und spitz und hat Zähne. Wenn ich vorsichtig zur Seite blicke, sehe ich: eine Hand in den Bauch gerammt, ich sehe Falten, ich sehe einen alten Mann. Weihnachten war er noch nicht alt. Der Schmerz hat sich in seinem Gesicht niedergelassen und sorgfältig kleine Falten gezogen. Der Schmerz ist ordentlich, er tut seine Arbeit. Ich registriere: der Mann neben mir hört dem Gespräch nicht mehr zu. Er hat sein Gesicht nach innen geklappt und betrachtet seinen Schmerz. Warum sollte er einem Gespräch zuhören, in dem es um Fleisch und Wurst und Regen geht? Ein Gespräch über den Schmerz wäre auch nicht möglich. Es gibt kein Gespräch. Es gibt den Schmerz und die Hoffnung, bald alleine zu sein. Nein, nicht allein, der Schmerz ist ja da.

 

Oktober 2011

Er ist noch dünner geworden. Der Schmerz hat sein Gesicht in das seiner Mutter verwandelt, als sie 99 wurde. Verwandeln wir uns in unsere Eltern? In wen werde ich mich verwandeln? In meine Mutter oder in ihn? Ich habe keine Wahl. Er hat keine Wahl. Wir haben keine Wahl.

Der Schmerz hat weiter gearbeitet. Ich spüre den Tod, aber man darf ihn nicht benennen. Ich versuche, meine Tränen aufzuhalten. Es gelingt mir. Wohin gehen ungeweinte Tränen? Ins Herz? In die Seele? In die Träume? Ins Vergessen? „Ich muss dir etwas sagen.“ Wird es jetzt ernst? „Ich habe aufgehört zu rauchen.“ Stolz. Er will gesund leben, wenn er stirbt. Keine Zigarren, kein Alkohol. Ich muss hier raus.

Wir gehen spazieren. Ich gehe hinter ihm. Mein Rücken schmerzt vor Langsamkeit. Ich will die Zukunft aufhalten und ertrage die Gegenwart nicht.

 

November 2011

Feier zum achtzigsten Geburtstag. Pervers. Neun Gäste essen, während er aussieht, als verhungere er ganz langsam. Hat sich einen neuen Anzug gekauft, mehrere Größen kleiner, in der Hoffnung, dass es nicht so auffällt, wie viel er wieder abgenommen hat.

Ich will ihm noch einmal gratulieren. Er nimmt meine Hand in seine beiden und drückt sie zusammen. „Du brauchst gar nichts zu sagen. Nur Gesundheit. Nur Gesundheit.“ Ich sage nichts, schaue ihn nur an. Er hat einen blauen Fleck zwischen den Augenbrauen und unter den Brillengläsern blaue Umrandungen. Er sieht aus wie ein alter grotesker Vogel, vielleicht ein Uhu. Er hat vergessen, meine Hand loszulassen, ich muss sie langsam aus der Umklammerung lösen.

Nach dem Essen stelle ich mich neben ihn und streichle seinen Rücken. Das habe ich noch nie getan. Er sieht mich verwundert an, lässt es aber zu. Ich spüre unter dem Jackett seine Knochen. Ich möchte ihn festhalten, traue mich nicht.

Später sagt er: „Ihr könnt ruhig Alkohol trinken und euch amüsieren.“ Wir lächeln kläglich und ich denke, er hat ein Recht darauf, dass seine Gäste sich amüsieren, aber wie soll das gehen? Und über allem immer die Gewissheit meines Herzens, dies ist sein letzter Geburtstag, es wird sein letztes Weihnachten sein.

Wir gehen. Er stolpert. Das Gefühl, ihn festhalten zu müssen wird übermächtig. Ich umarme ihn unbeholfen. „Glaubst du auch schon, dass ich nicht mehr alleine eine Treppe runtergehen kann?“, herrscht er mich an. „Nein, nein. Ich wollte dich umarmen.“ Er stutzt und lässt sich umarmen. Wieder spüre ich seine Knochen. Und dann halten wir uns gegenseitig im Novemberwind.

Er stirbt am ersten Weihnachtsfeiertag 2011.

 

Brigitta Heinrich

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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