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Dieser Blick. Nie konnte ich ihm standhalten. Nicht, wenn er lächelte. Nicht, wenn er wütend auf mich war. Nicht, wenn er traurig, stolz oder enttäuscht auf mich hinabblickte. Auch nicht, wenn er mich einfach so ansah und schwieg. Dieser Blick. Nie hielt ich ihn lange aus. Nicht mal jetzt, da mein Vater tot ist.

Als Kind war dieser Blick alles, was ich hatte. Er war Sicherheit, Orientierung und Zeitvertreib zugleich. Wie würde Papa reagieren? Dieser Blick war es, der mir sagte, was richtig war und was falsch. Oder doch richtig, aber eigentlich falsch. Dazu musste ich nicht mal hinsehen. Oft hatte ich ihn auch nur gespürt. Diesen Blick. So wie ich ihn Jahre später immer noch spürte, als es längst andere Blicke gab. Als ich glaubte, selbst entscheiden zu können, was falsch war und was richtig. Oder falsch, aber eigentlich richtig. Immer wusste ich, dass er da war. Dieser Blick. Manchmal konnte ich ihn sehen. Inmitten einer tanzenden Menschenmenge. In einem der vielen fremden Betten, in denen ich schlief. In einem viel zu schnell entgegenkommenden Auto, eines Nachts auf einer verlassenen Landstraße. Und einmal auch in den Augen eines Anderen. Jahre später sagte dieser Andere, ich müsse mich losmachen. Mich endlich befreien, von diesem Blick. Sonst würde ich nie ein eigenes Leben haben. Befreit habe ich mich dann. Aber von dem Anderen. Damit hatte er nicht gerechnet. Das hatte er mir nicht zugetraut. Nach all den Jahren. Der Kinder wegen. Leo und Antonia. Auch sie hielten meinem Blick nicht stand, als ich mich eines Abends zu ihnen auf die Bettkante setzte.

Dieser Blick. Mein ganzes Leben lang hat er mich begleitet. Hat alles gesehen, hat alles zu verstehen versucht. Hat immer nur das Gute in mir sehen wollen, wie Scheinwerfer auf einer knarrenden Bühne. Gleißend hell, warm und nur auf mich gerichtet. Jetzt ist er ganz bei sich. Dieser Blick. Starrt zur Decke, leer und ohne Leben. Ich beuge mich über ihn, ein letztes Mal. Um mich loszumachen. Um ihm standzuhalten. Dann fahre ich mit den Fingern über seine Lider. Ich frage mich, wie ich das all die Jahre ausgehalten habe. Diesen Blick. Und zugleich weiß ich nicht, wie ich ohne ihn weiterleben soll.

 

Frank Schliedermann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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