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Der Liebste war ein paar Wochen tot, da fuhr ich nachts auf der Autobahn über Land. Es war kaum Verkehr; allmählich kam der Herbst, die Baumschatten beidseits der Leitplanke waren schon verschlissen, und es stellte sich von Zeit zu Zeit das Gefühl ein: es geht ja weiter, die Erde dreht sich, die Jahreszeiten wechseln, es wächst und stirbt auch ohne ihn auf der Welt. Die Glasglocke, die mich umgab und die verhinderte, daß mich irgendetwas interessierte, sollte mir noch einige Jahre bleiben; an den Schmerz in meinem Brustkorb links begann ich mich zu gewöhnen. Ich hatte ein paar Nächte auf einen Traum gehofft, aber die seltenen Träume von ihm hinterließen mich verstört. In dieser Nacht würde ich spät schlafen, ich kam irgendwoher, das Radio schwieg, und eine gute Stunde Fahrt lag vor mir. Ich kannte die Landschaft in der Nacht genau, und vertraut war auch die graue Stimme, die mir sagte: gleich rechts der Ort mit dem Wallfahrtskirchlein, gleich das Autobahnkreuz, du

wirst nirgendwohin abbiegen, gleich die Brücke mit dem Blick weit ins Land, das er gemocht hat, denk dir, wie weit du flögest, wärest du nur kurz unachtsam, es bräuchte nichts als ein Verreißen des Lenkrads; genauso vertraut war, dieser Stimme keine Beachtung zu schenken, sie reden zu lassen und weiterzufahren, ruhig, in gemäßigter Geschwindigkeit, wie auf Autopilot. Rechts lag der Ort zwischen den Hügeln, die Wallfahrtskirche leuchtete gelb unter den Strahlern für das, was anderen sehenswert schien. Da war das Autobahnkreuz, alle Richtungen gleich bekannt, keine ging mich an. Doch dann, bevor die Landschaft links und rechts der Brücke wegstürzte, störte ein winziger Schatten das Scheinwerferlicht, eine eilige kugelige Bewegung quer zur Fahrbahn, und ehe ich auch nur ans Lenken oder Bremsen denken konnte, zerplatzte weich ein Igel unterm Vorderreifen.

Ich ging vom Gas, setzte den Blinker, auf der leeren Autobahn ließ ich den Wagen rechts auf den Randstreifen rollen und weinte, wie ich seit Wochen, ach, seit Ewigkeiten nicht mehr laut geweint hatte.

 

Lakritze

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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