401

Nachtdienst, der letzte von fünf. In den Räumen A, C und D der Notaufnahme liegen meine aktuellen Patienten, alle stabil. Bei A warte ich auf das Labor, C ist beim Röntgen und bei D muss ich erst die Anordnungen für die Station fertig machen. Meine Augen brennen, mein Körper ist müde, einschlafen könnte ich trotzdem nicht. Ich sitze über der Akte, als das Telefon klingelt.

Noch während die Schwester spricht, denke ich: „Scheiße, der dritte Totenschein heute Nacht.“

Ich haste die Treppen nach oben auf die Station 7. „War es absehbar?“, frage ich die Schwester. „Ja“, sagt sie.

Ein Glück, weniger Geheul am Telefon, wenn ich den Angehörigen Bescheid sage. Den Anflug von Scham drücke ich weg. Morgen, also heute, also nach dem Schlafen, wird mich mein Verhalten ankotzen, aber ich will nicht noch einmal in dieser Nacht einer Familie eine überraschende Todesnachricht übermitteln.

Nr. 2 war nach seinem Herzinfarkt schon über den Berg und lag auf Normalstation. Die Schwester fand ihn leblos im Bett. Reanimation. Starre Blicke des Bettnachbarn, der sich dann die Decke über den Kopf zog. Der Defi zeigte Kammerflimmern. 45 Minuten erfolglose Hektik. Scheiße. Eine fassungslose Ehefrau am Telefon. Papierkram, für den die Zeit nicht reicht, weil in der Rettungsstelle die Lebenden warten.

Nr. 1 hatte keine Angehörigen, die angerufen werden wollten. Er starb allein in seinem Zimmer. Scheiße.

 

„Er liegt in der 4.“ Das Sterbezimmer. Die Schwester schiebt mir die Akte zu. Ich schaue kurz rein. Pankreastumor, palliativ. Um das Bett stehen die Angehörigen, eine Frau sitzt auf der Bettkante; Tränen in den Augen, jedoch gefasst. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Ich stelle mich vor.

„Mein Beileid“, sage ich, weiß allerdings nicht so genau, ob ich die Angehörigen oder mich meine. Ich habe den Patienten vorher nie gesehen, geschweige denn seine Familie kennengelernt. Darüberhinaus ist es drei Uhr nachts, ich habe seit acht Stunden keinen Bissen gegessen, nur einen Schluck Wasser getrunken und muss seit einer geraumen Weile aufs Klo.

Ich trete mir im Geiste gegen das Schienbein und reiße mich zusammen.

Der Mann auf dem Bett sieht entspannt aus, ist aber unübersehbar tot. „Er ist ganz ruhig eingeschlafen“, sagt die Frau auf der Bettkante. Ich nehme ihre Hand und drücke sie. Den Stationsärzten danke ich innerlich für die angesetzte Schmerz- und Beruhigungsmedikation. Sanft und pro forma taste ich nach dem Karotispuls. Bartstoppel kratzen unter meinen Fingern. Für einen Moment fällt die Hektik dieser Nacht von mir ab.

„Haben Sie im Augenblick Fragen? Ich komme auch später nochmal vorbei.“ Für die Leichenschau und den Totenschein. „Sie können in Ruhe Abschied nehmen.“ Der Leichnam muss wegen der letzten Morphinspritze eh noch ein paar Stunden auf der Station verbleiben.

Das Telefon klingelt. „In fünf Minuten kommt ein Herzinfarkt.“ Ich hetze in die Notaufnahme.

Diese Geschichte hat so nie stattgefunden, könnte es aber.

 

Thomas D. Föller

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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