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Drei Tage nach seinem Tod.
Im Abschiedsraum des Friedhofbüros unten im Kellergeschoss.
Zwei Kerzen rechts und links hinterm Sarg.
Das erste Mal, dass ich einen toten Menschen sehe.
Mein Vater mit gefalteten Händen auf der weißen Satindecke.
Er trägt schwarzen Anzug.
Ich setze mich zu ihm.
Stehe wieder auf.
Ich streichle seine kalte Hand. Sein Gesicht.
Ich küsse seine Stirn.
Stupse seine Nase.
Ich spreche mit ihm. Singe. Weine.
Stecke ihm einen Brief in seine Anzugbrusttasche.
Ich bin allein mit ihm.
Er hört mir zu.
Die besten fünfzehn Minuten, die ich mit meinem Vater je hatte.

Fünf Monate nach seinem Tod.
Immer wieder Zwiegespräch mit meinem toten Vater.
Abends.
Ich: Hallo, mein Pa. Bist Du da?
Die Kerzenflamme flackert aufgeregt.
Ich: Wie geht es Dir? Alles klar?
Die Kerzenflamme beruhigt sich.
Ich: Es ist gut, bei Dir zu sitzen. Ich muss Dir was erzählen …

 

Petra Schuseil

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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