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Ich, gerade siebzehn, Schülerin einer medizinischen Fachschule. Wie jede musste ich ein mehrwöchiges Praktikum im Krankenhaus absolvieren. Egal, dass ich eigentlich Zahnarzthelferin werden wollte. Nah an der Basis sein, sagte man. Was fürs Leben lernen.

In der Realität bedeutete das: Bettpfannen leeren, Patienten waschen. Arbeiten, die nur zu gern Schülerinnen aufgetragen wurden.

Sie im Zimmer 11 war schon sehr alt. Vor einiger Zeit operiert, noch immer auf der chirurgischen Station. So was wie ein alter Hase dort. Freute sich, wenn wir Schülerinnen in ihr Zimmer traten. Wir wären so freundlich und herzlich. Nicht so grob und barsch wie die ausgebildeten Schwestern und Pfleger.

Ihre Haut war faltig, die Knochen deutlich zu spüren, wenn ich sie mit ihrer Seife wusch.

So ganz anders als meine Arme und Beine, die fest und von glatter Haut bekleidet waren.

Ihre dünnen Finger griffen nach mir, um mich noch ein wenig festzuhalten und sie erzählte von ihrer Krankheit, der Familie, was man eben so mit Fremden spricht.

Manchmal steckte sie mir etwas Schokolade in die Kitteltasche, weil ich so nett wäre.

Sie war eine von vielen, die ich zu betreuen hatte. Manche blieben nur kurz, andere waren schon Stammgäste auf der Station.

Eines Morgens brachte ich wie gewohnt die Medikamente an ihr Bett. Sie schlief noch. Etwas verursachte mir eine Gänsehaut, ohne dass ich es mir erklären konnte. Ich ging weiter in meiner Runde, dieses komische Gefühl blieb.

Später brachten Schwestern ein Bett mit einem zugedeckten Körper zum Fahrstuhl. Emotionslos, routiniert. So wie jeder ihrer Handgriffe Routine war.

Ich hörte, sie wäre wohl schon in der Nacht verstorben. Keiner hatte es bemerkt, auch ich nicht. Meine erste Begegnung mit dem Tod.

Noch Jahre danach konnte ich den Geruch dieser Seife, mit der ich sie immer gewaschen hatte, nicht ertragen.

 

Doreen Scharwinski

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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