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Wir waren zu zweit. In den Augen meiner Eltern sind wir es noch immer, auch wenn ihre Worte etwas ausklammern, fehlen lassen; etwas, das nicht benannt wird, weil sie nicht aussprechen wollen, was sie über mich denken: dass ich unvollständig bin.

Ich habe einen Bruder, manchmal, im Traum. Er spricht schneller als ich und bleibt immer sechzehn Jahre alt, etwas Verlässliches steckt in meinem Bruder. Während sich mein eigenes Gesicht im Laufe der Zeit im Spiegel verändert, steht er hinter mir und sieht mich an, aus Augen, die nicht altern und mir dennoch etwas voraushaben.

Nach vorn gebeugt streicht mein Vater den Staub von seinen Schuhen. Der Tag hat Schweißperlen auf seiner Stirn hinterlassen. Er kneift die Augen zusammen, auf dem Boden kriechen Brotkrumen. Die Mutter atmet den Vaterstaub aus der Luft heraus, ihre Staublunge keucht am Herd über den vollen Töpfen. Ein Abend ist wie der andere, sage ich zu meinem jüngeren Bruder, der früher mein älterer Bruder gewesen ist. Heute ist er zu Besuch gekommen, kauert unter dem Esstisch, lässt Messer und Gabel über seine Arme gleiten. In den Beinen zittert er, weil er schon seit einer Stunde dort unten hockt, ohne die Sitzhaltung zu ändern.

Während wir auf das Essen warten, wird der Vater stetig dünner. Die Töpfe auf dem Herd schießen heißen Dampf auf die Haut meiner Mutter. Das Kondenswasser sammelt sich in ihren Augenwinkeln, und es ist seltsam zu wissen, dass es keine Tränen sind. Meine Mutter hat sich vorgenommen, nie wieder unglücklich zu sein. Das sei ein Beschluss, kein Versuch, sagt sie.

Ich bin nicht wie du, habe ich zu meinem Bruder gesagt, als ich vorhin in meinem Zimmer auf dem Bett lag und zu ihm hochgeschaut habe, wie er oben auf meinem Kleiderschrank saß, am höchsten Punkt des Raumes. Du solltest endlich ausziehen, hat er geantwortet, es ändert rein gar nichts, wenn du bleibst. Er ist vom Schrank herabgesprungen mit schnellen Worten auf der Zunge. Mein Bruder redet zu viel in letzter Zeit und beschränkt seine Anwesenheit nicht mehr auf meine nächtlichen Träume.

Zwischen den Zähnen meines Vaters schwappt Kartoffelsuppe und hinterlässt nach dem Schlucken ihre Spuren in den Mundwinkeln. Er werde am Wochenende den Dachboden entrümpeln, sagt er, es habe keinen Sinn, das alles noch länger aufzuheben, die ganzen Erinnerungen. Sein Schatten bückt sich, liest die herumkriechenden Brotkrumen vom Boden auf. Die Mutter schwitzt. Sie muss die kleinen Wassertröpfchen, die sich auch jetzt noch aus der Hitze der Töpfe erheben, wie ruhelose Gespenster auf ihrer Haut fühlen. Unter dem Tisch wird es laut, mein Bruder schreit meine Beine an. Er sticht mit der Gabel nach ihnen. Ich gehe, ruft mein Bruder, du kannst ja weiterhin hier rumsitzen! Geh doch, denke ich. Er kriecht unterm Tisch hervor, sagt noch einmal: Ich gehe! Niemand hält ihn auf, auch ich nicht.

 

Myriam Keil

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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