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Monotones Blubbern. Leise gurgelnde Absauggeräusche. Ein Bildschirm mit drei Kurven, die die Vitalfunktionen überwachen. Sie liegt im Sterben. Jeder Atemzug fällt ihr schwer.

Jedes Mal, ein Bruchteil einer Sekunde nach dem Ausatmen, die Atempause, die Frage, ob die Kraft noch reicht für einen weiteren Atemzug. Ihre Hände greifen nach unseren. Sie weiß, dass wir da sind, hat schon zu uns gesprochen.

Die trockene Zunge schlägt bei jedem Einatmen gegen das Sauerstoffröhrchen, das quer in ihrem Mund hängt und ihr puren Sauerstoff in die Kehle pustet. Sie saugt es in sich auf, wieder und wieder. Röcheln. Zu viel Schleim im Hals, vor vier Stunden das letzte Mal abgesaugt.

Wir wechseln die Etage. Jetzt haben wir das Zimmer für uns. Es bringt nichts mehr, sie zu überwachen, sagt die Schwester. Jetzt heißt es nur noch warten. Der Monitor ist unten geblieben. Sie ist froh, dass wir da sind, sagt sie. Es ist ein Uhr.

Sie hat ihr Gebiss nicht im Mund, nur den Sauerstoffschlauch. Sie sieht alt und eingefallen aus. Sie ist blass, bleich, vorhin hatte sie noch Sommersprossen, aber die sehen wir im weißen Licht der Nachtbeleuchtung am Kopfende nicht mehr. Wir haben die Lampe mit einem Handtuch abgehängt, damit es nicht so blendet. Jetzt kann sie schlafen.

Der Raum ist in einem hellen Gelb gestrichen. Sonst ist alles weiß, die Schränke das Bett, die Laken, die Vorhänge, die Heizung an der Wand gegenüber vom Fußende. Auf dem Tisch steht eine Lampe aus Pergamentpapier. Schmetterlinge und Drachen aus orange-rotem Papier werfen dämmrige Schatten auf die Wand.

Sie schläft unruhig. Sie bekommt Schmerzmittel, wir Cola und Kaffee.

 

Wir dürfen nicht weg. Sobald sich jemand rührt, krallt sie sich mit überraschender Kraft in unsere Hände und hält uns ganz fest. Wir verfolgen jeden Atemzug und halten jedes Mal selbst die Luft an, wenn sie stockt, wenn sie den Mund schließt und mit den Lippen auf dem Sauerstoffröhrchen herum schmatzt. Einatmen. Einatmen.

 

Die Zeit rechnen wir in Atemzügen. Stilles Anfeuern, still und ruhig.

 

Der Tropf wird kaum leerer. Ihre Hände sind endlich warm. Manchmal Wimmern. Dann wieder ruhig. Sie sagt, sie sähe Sterne, Sternschnuppen. Wir verstehen sie schlecht. Das sind Splitter vom Mond, sagt sie.

Ihr ist heiß, sie strampelt sich frei, wir rufen eine Schwester. Die wechselt den Atemschlauch, vom Mund in die Nase. Sie greift wieder blind nach unseren Händen. Monotones Blubbern.

 

 

Marie von Borstel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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