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„Wenn Sie üben wollen, können Sie auch ein totes Hühnchen anfassen – frisch aus dem Kühlschrank. Eigentlich fühlt sich eine Leiche in der Kühlung genauso an.“

 

Nacktes Huhn also. Mit dieser leicht noppigen Haut, die sich über dem Fleisch verschieben lässt. Bei unachtsamen Rupfen gespickt mit Federkielresten. Das konnte ich mir vorstellen – und muss bis heute bei frischem Hühnerfleisch an den Satz des Bestatters denken.

Aber es stimmt nicht. Menschen fühlen sich ganz anders an. Die Haut ist nicht noppig und lässt sich nicht wie bei einer Hühnerkeule verschieben. Federkielreste gibt es schon gar nicht. Und dass uns Leichen zur Verabschiedung angezogen präsentiert werden, ist der sichtbarste Unterschied. Angezogen – noch dazu in Lieblingskleidern – wirken auch tote Menschen präsent. Tote Hühner sind schutzlose Objekte. Angekleidete Menschen verkörpern eine bestimmte Person.

Das kann man fühlen, wenn man sie anfasst.

Und man fühlt noch mehr. Weil in der Gegenwart des toten Menschen ganz viel anwesend ist: gemeinsame Erlebnisse, das letzte Zusammentreffen, Streitereien, die nicht vergeben sind, bestimmte Worte und Gesten, die Erinnerung an einen vertrauten Geruch … Das Leben ist nicht mehr im Blutkreislauf. Aber es ist da.

 

Brust oder Keule – Hand oder Kopf?

Von wegen – haptische Äquivalenz … Weil man niemals bloß Materie spürt. Mag schon sein, dass der Bestatter recht hat: Die Hautstruktur ist ähnlich, die Temperatur womöglich sogar gleich. Aber das war es auch schon. Das Huhn aus dem Kühlschrank ist zum Verzehr gedacht – gut im Futter, festes Fleisch, eine satte Fettschicht unter der Haut.

Der Mensch, von dem ich mich verabschieden muss, mag ebenfalls wohlgenährt sein – aber ich fasse ihn ja nicht am nackten Bauch an! Die Hand ist – hoffentlich! – alt und faltig und auch das Gesicht längst nicht mehr jugendlich prall. Die Haut erzählt Geschichten. Das Gesicht spricht Bände: vom Lachen und Weinen, von Angst und Sorgen, vielleicht auch vom Tod selbst. Die Hände verraten etwas vom Tagwerk: von der Gartenarbeit, vom Schreibtischjob, von den vielen Zigaretten, von teurer Kosmetik oder vernachlässigter Körperpflege.

 

Ganz unterschiedliche Zukunftsmusik:

Das Huhn im Kühlschrank wartet noch auf seine Bestimmung. Zitrone, Thymian, Knoblauch werden es vollenden. Der Mensch hingegen ist physisch am Ende. Das ist der unheimliche Moment. Eine kalte Hand begegnet üblicherweise nur im Krimi oder Horrorfilm – nicht beim realen Gegenüber.

Ich will das nicht üben. Und ich will mich auch nicht an die kalten Hände geliebter Menschen gewöhnen. Aber wenn – dann will ich die Gelegenheit nutzen. Einmal noch die vertrauten Züge mit meinen Fingern nachziehen. Die Hand halten, die ich so gut kenne. Durch die Kühle der Haut den Abschiedsschmerz real werden lassen. Und spüren: Nicht alles Leben ist vorbei.

 

Maike Westhelle

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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