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Du hast heute Nacht gelitten. Das tut mir so leid. Du hast auch in den letzten Wochen gelitten. Du konntest nicht mehr gut aufstehen, wolltest morgens nicht mehr mit mir durch den Garten laufen, hast nur geschlafen, gefressen und Medikamente bekommen. Wenn ich weg musste, wolltest du nicht mehr mit.

Dennoch folgtest du mir daheim von Raum zu Raum. Wenn ich dich streichelte, konntest du das nicht mehr lange ertragen. Dann standest du auf und legtest dich einen Meter weiter hin. Manchmal kränkte mich das, doch ich wusste ja, dass es dir nicht gut geht. Wie sehr die Krankheit dich doch verändert hat.

Eine Fliege ist gerade hier im Raum. Als du jung warst, hast du sie mit dem Maul gefangen und geschluckt. Später nicht mehr. Vielleicht fandest du ja heraus, dass sie furchtbar schmecken. Wenn du eine hörtest, hast du nur noch genervt den Kopf gehoben und bist in einen fliegenfreien Raum geflüchtet.

Den Staubsauger hast du auch gehasst. Aber du konntest nicht mehr so schnell. Ich ließ dir Zeit, damit du einen Platz findest, an dem er dich nicht so bedroht.

Du hast aber auch vieles geliebt. Du machtest jeden Tennisball ausfindig, selbst wenn er seit Jahren unter einem Schrank verstaubte. Du konntest sie so gut aus der Luft fangen. Am liebsten warst du im Wasser auf der Jagd nach deinem Flugball. Am Flüsschen, da waren wir am glücklichsten, du und ich.

Und Schnee hast du geliebt! Du konntest stundenlang im Schnee buddeln, dich darin wälzen. Leider auch in stinkenden Überresten von Maulwurf, dann musste ich dich baden. Das hast du nicht geliebt. Aber wenn ich dir die Haare schnitt, war das für dich eine Stunde Kraulmarathon.

„Kommst du mit?“ war deine Lieblingsfrage. Im Auto hast du deine Ohren genüsslich im Wind flattern lassen. Du warst im Urlaub dabei, bei Besuchen, bei unzähligen Bandproben, du hast im Büro unter dem Tisch geschlafen. Auf Partys musste man aufpassen, dass du nicht die Schüssel unter dem Bierfass austrinkst. Du wolltest bei mir sein, immer dabei. Alle liebten dich, du warst etwas ganz Besonderes.

Ich hoffe, du wirst dich nicht für immer daran erinnern, dass du an deinem letzten Tag auf dieser Welt kein Frühstück von mir bekamst. Du liebtest Frühstück. Das Wort hast du am besten verstanden.

Vor dem Schlafen kamst du immer zu mir ins Bett. Kuscheln. Du legtest dich vor mich hin, deinen Rücken an meinen Busen gelehnt, ich streichelte dich und atmete den Duft des Fells auf deinem Kopf ein. Dann klopfte ich dir auf den Po, und du gingst in deinen Korb. Ich hörte, wie der Korb knarrte, und du dreimal aufseufztest. Oft lagst du auf dem Rücken und zeigtest uns den Bauch, deine ganze Verletzlichkeit.

Später hast du oft geschnarcht, und das nicht gerade dezent. „Leise schlafen!“, sagten wir zu dir, wenn wir nachts davon aufwachten. Dann hast du dich beruhigt und umgedreht, und wir konnten weiterschlafen.

Bevor du gegangen bist, hast du nicht gut Luft bekommen, da musstest du auch sehr laut atmen.

Jetzt schläfst du leise, für immer.

 

Susanne Gritsch

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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