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Ich weine nicht gerne. Und doch weine ich oft. Ganz besonders, wenn ein Abschied ansteht, erst recht, wenn es ein endgültiger ist. Schon bevor meine Großeltern tot waren, habe ich bei jedem Abschied von ihnen weinen müssen, weil ich nie wusste, ob ich sie noch mal wiedersehen werde. Man könnte meinen, dass eine derart lange Vorbereitung auf den bevorstehenden endgültigen Abschied dazu führen müsste, dass man bei Eintreten des Unvermeidbaren nicht mehr so viel Schmerz verspürt. Meine Erfahrungen konnten das leider nicht bestätigen. Fakt ist, dass ich bei Beerdigungen stets weine, so war es bei allen fünfen, denen ich bisher beigewohnt habe. Das mag ja o. k. sein, wird es doch als Ausdruck der Trauer gewertet. Aber für mich selbst ist das ein Problem, denn ich bin stets so sehr damit beschäftigt, nicht zu weinen, dass ich mich gar nicht mehr richtig auf das Wesentliche der Beerdigung konzentrieren kann: den Abschied.

In jüngeren Jahren habe ich Beerdigungen nicht gemocht, dem damit verbundenen Schmerz wäre ich gerne aus dem Weg gegangen. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass der Tod nunmal zum Leben gehört und Beerdigungen ein wundervolles Ritual zur Abschiednahme sind – aber mit dem Tod habe ich mich trotzdem noch nicht abfinden können. Er kommt unweigerlich und manchmal auch sehr erwartbar, doch der Mensch ist dann tatsächlich weg. Ich komme mir vor wie ein Kind, wenn ich weiter und weiter über diese Tatsache staune, denn irgendwann muss ich es doch mal lernen.

Eine andere Sache beschäftigt mich auch noch: Die bisher miterlebten Tode, etwa der Großeltern, gingen sanft und relativ schnell vonstatten. Meine schlimmste Befürchtung ist, dass dieses Glück sich gerade dann wendet, wenn es um einen besonders nahen Menschen geht.

Ich möchte Leichtigkeit ausstrahlen, wenn es um den Tod geht, habe ich doch gelernt, dass auf dem Sterbebett Liegende die Menschen, die sie zurücklassen, gern fröhlich sehen. Die Heiterkeit der Zurückbleibenden scheint das Loslassen zu erleichtern. Aber wie soll man denn fröhlich sein, wenn ein Menschen stirbt? ––– Schon schießen mir wieder Tränen in die Augen, dabei sitze ich in diesem Moment umringt von Fremden im Wartezimmer eines Arztes.

So gerne würde ich der Toten als Lebende gedenken, aber ich kann ihren Fortgang keine Sekunde lang ausblenden. Damit muss ich mich vermutlich einfach abfinden, so ist meine Sicht der Dinge: Tote haben einmal gelebt, aber jetzt sind sie eben tot.

 

Florian Kohl

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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