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Die Lampe blitzt wieder auf, taucht unsere winzige Insel letzten Lebens in düstergrelles Licht. Er dreht sich erneut zu mir um, vielleicht zum letzten Mal. Sein Gesicht ist alt und müde. Dennoch zwingt er sich sichtlich, seine Augen offen zu halten. Er greift nach einer Querstrebe an der Decke und stößt sich ab. Zu mir. Ich fange ihn ab, ergebe mich in seine Umarmung. Er drückt mich fest an sich. Tief und fest spüre ich seine Angst in meinem eigenen Leib. Und er meine in seinem. Meine Augen werden feucht, als ich sie wieder öffne. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Zu dem wüsten, toten Klumpen, der einmal die Erde war. Meine Atemzüge werden wieder etwas stärker, als ich versuche, neues Leben in mich einzusaugen. Aber die verbrauchte Luft vermag meinen Hunger nach Sauerstoff kaum noch zu stillen. „Mir ist elend“, flüstere ich. Es klingt wie ein Donnerhall in der sonst vollkommen stillen Raumstation. „Ja“, antwortet er, „mir auch.“ Wiederum Stille. Die Lampe beginnt, unrhythmisch zu flackern. Ich versuche, mich erneut daran zu erinnern, was alle Spuren von Freude und Glück von mir genommen hat. Die ungeheuerliche Katastrophe, die meine Heimat, meine Freunde, meine Familie, eigentlich alles, womit ich aufgewachsen bin, zerstört hat. Und alles, womit ich nie zu tun hatte, dazu. All die Menschen, Familien, ganze Städte, ja Völker … Alles zunichte. Es gelingt mir nicht. Mein Gedächtnis schafft es nicht mehr, diese Bilder des Grauens wieder aufzubauen. Vielleicht ist es besser, dass meine letzten Gedanken sich nicht darum drehen. Ich weiß nur noch, dass ich glücklich war. Glücklich, mit all diesen Menschen zu leben. Auf dieser schönen Welt, zwischen blauem Himmel, grünen Wiesen und brauner Erde. All das ist nun einfach nicht mehr. Es wird nie wieder sein. Die Lampe setzt aus. Mehrere Minuten vergehen, bevor sie wieder zu flackern beginnt. Immer schwächer. Meine Wangen sind von feuchten Spuren mehrerer Tränen überzogen. Mein Atem wird flacher. Ich flüstere: „Wir sind die Letzten. Die Letzten! Es gibt keinen mehr außer uns.“ Er zieht den Kopf zurück. Er sieht mir in die Augen. So tiefgrüne Augen. Die letzten beiden männlichen Augen der Menschheit. Er ist blass. Auch er kämpft sichtlich, Luft zu bekommen. „Ironie. Wir haben den Untergang allen Lebens gesehen und überleben selbst nicht.“ Die Lampe bleibt einen Moment ganz hell, wie schon lange nicht mehr. Seine Augen bleiben an meinen haften. Er fasst mir ins todgeweihte Haar, schiebt mich sanft näher. Unsere Lippen berühren sich. Ein Kuss, so verzweifelt und hoffnungslos wie wir. Der letzte Kuss. Er endet ganz sacht, ohne echten Schluss. In mir verkrampft sich alles. „Es ist nicht gerecht. So ein weiter Weg der Entwicklung … Alles vorbei!“, höre ich mich sagen. „Nein, es ist nicht gerecht“, er spricht immer langsamer und leiser. „Vielleicht gibt es irgendwann einen Neuanfang. Eine weitere Chance. Vielleicht machen wir es dann richtig.“ Die Lampe wird dunkel. Sie spendet nur noch wenig Licht. Ich kann mich nicht mehr wachhalten. Ich versuche, den Sinn seiner Worte zu erfassen. Verbissen, Buchstabe für Buchstabe. Es gelingt mir nicht. Mit schwindender Kraft drücke ich ihn wieder an mich. So fest ich kann. Er fühlt sich warm an. Fester. Ich schaue aus dem Fenster. Schwarze Leere. Weiße Punkte. Das Licht geht aus.

 

Manuel Günther

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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