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Kommt Buben, wir fahren zur Tante Ruth.

Mit diesen Worten wurden stets die zur Routine gehörenden Besuche bei der Schwester unseres Vaters Dieter in München eingeleitet; die Besuche liefen immer gleich ab: wir vier Buben wurden aufgrund von Wachstum und schulischem Fortkommen besonders bewundernd und wohlwollend von ihr gelobt, dabei wurde Saft gereicht, manchmal reichte sie auch nicht mehr ganz frische Kekse; mein Vater bekam Kaffee, den sie auch gerne trank, meine Mutter Tee, chacun à son goût, in ihrer Wohnung, die stark nach dem Parfum Pacholi roch (und ich bin mir sicher: noch immer riecht!) im zweiten Stock der Virchowstraße 16. Diese Wohnung steht in einer Reihe mit den letzten vier unveränderten Innenräumen dieser Welt: der Sixtinischen Kapelle in Rom, dem Kölner Dom, dem Arbeitszimmer von Fidel Castro in Havanna und eben Tante Ruths Wohnung!

Auffallend war: sie rauchte Zigaretten, nie viele, immer mit Genuss, jede einzeln, aber: sie tat damit etwas, was uns Kindern sonst als eher sehr schlimm und unbotmäßig erklärt wurde. Gleichzeitig war sie sehr fromm, das wussten wir, viele Gottesdienstbesuche, auch bei Familienfeiern wurden welche absolviert. Rauchen und fromm sein war also kein Widerspruch.

Wenn wir uns nach dem Besuch von dem hohen Haus entfernten, winkte sie jedes Mal vom Balkon so stürmisch, als zögen wir für immer fort. Aufregend für uns war, dass hier eine Frau völlig alleine lebte, mit Dingen, die uns fremd waren und um die wir sie heimlich beneideten: Balkon, Fernseher, Zigaretten und Aufzug – und das alles in der gefährlichen Großstadt München.

Bis Mitte der 70er-Jahre verkaufte sie in ihrem Schlafzimmer Pullover, die sie vermutlich von der befreundeten Großfabrikantenfamilie Sittl aus Burladingen äußerst günstig bezog. Wir alle – inklusive unseres Vaters – mussten dann immer diese Pullover mehrfach anprobieren, was uns Buben sehr unangenehm und lästig war; da uns jedoch gesagt wurde, dass der Erlös dieser umständlichen Verkaufsaktion den armen Kindern in Afrika zugutekäme, ließen wir diesen Prozess willig über uns ergehen. Wir wussten, dass Tante Ruth über Freundschaften zu einem fernen afrikanischen Kloster verfügte, geschnitzte fromme Kleinskulpturen aus schwarzem Ebenholz, die in ihrem Wohnzimmer standen, hatten damit sicher einen Zusammenhang, wir ahnten etwas von ihrer starken Affinität zum klösterlichen Leben. Ja, sie hatte früher sogar einmal ein Jahr in einem evangelischen Kloster gelebt, nachdem ihr Freund nicht aus dem Krieg zurückgekommen war, aber das wurde nicht offen ausgesprochen.

Schon durch diese wenigen Beispiele sind die wesentlichen Eigenschaften unserer Tante hier klar ersichtlich:

  • der freundliche Respekt ihren Mitmenschen gegenüber
  • die tiefe Religiosität
  • die geordnete strenge Lebensführung mit einem bescheidenen Maß an Luxus
  • die aufopfernde Nächstenliebe, unspektakulär und eisern durchgezogen

Mein älterer Bruder Andreas und ich lernten aber noch eine weitere „eiserne“ Eigenschaft bei ihr kennen: Da sie uns beide wunderbarerweise zu exklusiven Reisen (ohne die lästigen jüngeren Geschwister und die nervenden Eltern!) einlud, durften wir mit ihr wandern. Dieses Wort „wandern“ hatte bei Ruth eine ganz eigene, mehr dem napoleonischen Überwinden von Entfernungen verwandte Bedeutung: Bei Tagesanbruch wurde nach dem Frühstück eine Karte auf den Tisch des Hauses gelegt, das Ziel wurde festgelegt, und mit dem Durchschnittstempo von sage und schreibe acht Stundenkilometern ging es zielstrebig voran. Wenn das Ziel des Ausfluges dann – in den allermeisten Fällen kurz vor der errechneten Zeit – erreicht war, glänzte ein Stolz in ihrem Gesicht auf, den Andreas und ich gerne teilten.

Auf diesen vielen Reisen ging es durch Südtirol, aber auch nach London, Paris, Griechenland, einmal sogar zum Papst nach Rom, zur befreundeten Fabrikantenfamilie Sittl ins schwäbische Burladingen, kurz: sie schuf für Andreas und mich einen eigenen Mikrokosmos, unsentimental, stolz auf die erreichten Ziele. Gerne erzählte sie dann vom Unglück, das sich in wenigen Jahren über ihre Familie Hiob gleich gelegt hatte:

Der frühe Tod ihres jüngsten Bruders Georg und dann der Tod des ältesten Bruders Hans in Rumänien im Krieg, die entsetzlichen politischen Schwierigkeiten und der ebenfalls frühe Tod ihres geliebten Vaters und dann auch noch der Mutter, am Schluss noch der Verkauf des großväterlichen Anwesens in Rottenbuch; diese Erzählungen, die wir oft hörten, betrafen uns Buben sehr, standen sie doch im starken Gegensatz zu den immer fröhlichen und lustigen Anekdoten der Familie Sattler. Aber auf diesen Reisen wurde dann – trotzdem oder gerade deswegen! – gern gut gegessen und getrunken, wir sprachen über Literatur, Musik und auch über wichtige Stellen in der Bibel. Tiere spielten überhaupt keine Rolle.

In unserer kindlichen Naivität schien es uns als absolut selbstverständlich, dass eine richtige Tante – nicht die Ehefrauen unserer diversen Onkel – nein, eine richtige unverheiratete Tante ihre Neffen über alles liebt und dass wir deshalb diese wunderbare Zuneigung mehr oder weniger selbstverständlich goutieren durften. Gerne kamen wir vier Buben deshalb auch zu ihrer Abschiedsfeier 1979 in die Bad Soden Schule, wo sie lange Jahre als Rektorin gearbeitet hatte und erlebten die vielen ihr sehr zugewandten Lehrerkollegen, die lange unter ihrer fürsorglichen und sicher auch gerechten Schulführung gearbeitet hatten, so dass deren Sympathie und Dankbarkeit ihr gegenüber nun auch uns vieren zugutekam: in Form von Schokolade, Lob und Bewunderung. All das schien uns ganz selbstverständlich.

Im Gegenzug kam sie 1986 zu Besuch bis ins ferne Chicago und feierte noch zwanzig Jahre später mit bei einer akademische Feier im englischen Newcastle, wo sie trotz ihres hohen Alters von immerhin sechsundachtzig Jahren am Tisch des Bürgermeisters im besten Englisch sich der Konversation hingab, stolz ihr Bundesverdienstkreuz tragend, das sie nur auf meine dringende und inständige Bitte hin angelegt hatte, denn sie war ja wirklich bescheiden. Bei meinen Besuchen in den letzten zwanzig Jahren bei ihr sprach sie gerne und selbstverständlich von ihrem Tod, als tiefgläubige Katholikin hatte sie keine Angst oder dergleichen, fröhlich sollte ihre Trauerfeier sein, sagte sie immer, ein eher selbstverständliches Fest, keine betrübliche Feier. Auf den Einwand, dass dies wahrscheinlich kaum machbar sei, weil sie ja schließlich unersetzlich wäre und von allen sehr geliebt würde, meinte sie dann immer lächelnd, mit ihrem leicht bayerischen Tonfall: „Ja mei!“

(Rede zur Beerdigung von Frau Ruth Albrecht, 1912–2012, Berlin, Anfang Februar 2012)

 

Thomas Albrecht

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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