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Monatsende. Aber etwas ist anders als all die anderen Monate im Jahr. Denn der Februar hat wirklich nur vier Wochen. Da bleibt ein Wochengeld übrig. Das sind 20 Euro zur freien Verfügung. Aber er wird das Geld wieder nicht ausgeben. Wird den Schein zu den anderen stecken. Und wird hoffen, daß er sich nicht so oft daran erinnert, wo er das Geld im Schrank versteckt hat. Dann kann er nicht so oft auf diese Reserve zurückgreifen.

Seit Jahren versucht er nämlich zu sparen. Und jetzt muß er in 5 Monaten aus den 370 Euro 1200 Euro machen, damit er die Frist für das Grab im fernen Heimatdorf vielleicht doch noch verlängern lassen kann. Nochmal 20 Jahre. Und in den 20 Jahren wird er öfter hinfahren als in den vergangenen 15. In denen war er ganze viermal an diesem Grab. Hat lieber woanders, stellvertretend, Gräber besucht, Blumen und Kerzen hinterlassen. Hatte auch Angst vor dem Besuch im Dorf.

Jetzt steigt er auf die Leiter. Ganz oben im Schrank, unter einer Schubkasteneinlage, in der sich Unmengen an Erinnerungen an ganz wenigen Dingen festmachen, liegt ein Briefumschlag. Den kramt er hervor, steigt mühsam wieder von der Leiter herunter. 2015_01_24 ist auf dem Umschlag vermerkt zwischen den beiden Siegeln. Hat er an diesem Tag Geld hineingetan oder herausgenommen? Er kann sich nicht daran erinnern, legt den Umschlag auf den Tisch und bringt die Leiter weg.

Dann sitzt er mit einem Kaffee am Tisch, bricht die Siegel, reißt den Umschlag auf. Zählt nach. Das sind keine 370, nein, das sind 430 Euro. Zu denen legt er die 20 Wochengeld. Und dann nimmt er aus Kaffeedose und Einteilbrieftasche nochmal 120, die er nicht verbraucht hat, eisern gespart hat in den 4 Wochen des Februars. Dann sind es also 570, die er in einen neuen Umschlag schiebt. Auf dem wird das Datum vermerkt: 2015_02_28. Er erhitzt das Ende einer Stange Siegellack und läßt ausreichend davon links vom Datum hintropfen. Er leckt sein Siegel an und preßt es in die noch heiße, rote Masse. Dann wiederholt er das alles rechts vom Datum. Er steht schon auf der wieder herbeigeholten Leiter, da entschließt er sich, auch den Betrag auf dem Umschlag zu notieren, den letzten und den aktuellen. Er steigt herab und notiert unterhalb des Datums 430 und darunter 570. Endlich kann er den Umschlag wieder unter die Schubladeneinlage kleben. Weg ist er. Bis zum nächsten Geldtag. Oder bis zur nächsten notwendigen Flasche Doppelkorn, um die Erinnerungen und die Lügen wegzuspülen.

Er ist ich. Ich bin er. Aber wenn ich mich in diesen Momenten nicht von außen beobachte, aus mir heraustrete, dissoziiere, dann kann ich nicht handeln. Schon gar nicht, wenn es um diesen Tod, um dieses Grab geht …

 

Der Emil

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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