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Mein absolutes Lieblingsgedicht ist „Memento“ von Mascha Kaléko. Jedes Mal, wenn ich es lese, trifft es mich mit voller Wucht. Jede Silbe hängt mir nach, aber ganz besonders ergreifend finde ich das Ende.

Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

Weil es genau so ist. Vom eigenen Tod bekommt man im Idealfall nicht viel mit. Wenn das so läuft, wie ich es mir erträume, dann bin ich irgendwann, so mit neunzig umringt von Familie, bei bester geistiger und körperlicher Gesundheit und falle einfach um. Friedlich, von jetzt auf gleich, weil es an der Zeit ist.

Aber dableiben, den Schmerz aushalten, wenn jemand, der einem viel bedeutet hat, gestorben ist, das ist so unglaublich viel schwerer. Ich maße mir nicht an, für andere zu urteilen, aber mich hat es sehr getroffen, dass ein mir sehr lieber Mensch einfach so, von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war. Weil ich mich nicht verabschieden konnte.

Es steht außer Frage, dass es mir auch sehr wehgetan hat, als meine Großeltern gestorben sind. Aber von allen konnte ich mich verabschieden, konnte diesen Abschied bewusst angehen und mich aussprechen, aussöhnen, ihnen eine gute Reise wünschen. Frieden schaffen in meinem Herzen.

Ungleich schwerer war es, jemanden zu verlieren, mit dem ich zwei Tage vorher noch das nächste Treffen geplant hatte. Wir wollten um die Häuser ziehen, ausgehen, Spaß haben. Statt wieder ausgelassen mit ihm zu quatschen, hörte ich von anderen, dass er gestorben war. Diese Nachricht hat mich erschüttert. Ich konnte es nicht fassen und es hat lange gedauert, bis ich es wirklich begreifen konnte. Dieser Mensch, der immer ein Teil meines Lebens gewesen war, war plötzlich weg. Ein Loch entstand, das ich bis heute, zehn Jahre später, nicht gefüllt habe. Über ein halbes Jahr stand mein Leben praktisch still. Ich habe getrauert, geweint. Es tat und tut weh. Weil es unbegreiflich ist und zeigt, dass all die Kalendersprüche eben doch wahr sind. Nicht jeder weiß, wann und wie sein Leben endet. Und während der Tod (hoffentlich) schnell gestorben ist, klafft eine große, schmerzende Lücke im Leben der Lebenden. Das zu beschreiben, ist unmöglich. Aber das heißt nicht, dass es nicht immer wieder versucht werden sollte. Denn für jede_n Trauernde_n gibt es tröstende Worte, die ihn/sie erreichen. Bei mir ist es eben Mascha Kaléko.

 

Andrea Zschocher

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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