385

In meinem jungen Leben sind mir berufsbedingt schon sehr viele Menschen begegnet, die mit dem Tod auf die eine oder andere Weise konfrontiert wurden. Als Sterbende selber oder als deren Angehörige. Dabei habe ich einiges über den Tod lernen dürfen. Er hat einen Teil seines Schreckens verloren, denn er begegnet einem nicht immer voller Kummer, sondern auch friedlich und trostspendend. In den Stunden, in denen wir Abschied nehmen müssen von einem geliebten Menschen, in den Augenblicken, in denen Trauer und Leid unsere Sinne zu betäuben scheinen, genau dann lernen und erleben wir etwas ganz Wichtiges. Wir lenken automatisch unseren Blick auf Wesentliches. Materielles verliert seinen Wert. In solchen Momenten sind es die kleinen Gesten, ein sanfter Händedruck, ein liebes Wort, ein stilles Beisammensein, die an Bedeutung gewinnen und aus denen wir sehr viel Kraft ziehen können. Sie haben die Macht, auch in den dunkelsten Stunden ein Lächeln auf ein Gesicht zu zaubern. Einen Funken Hoffnung, Trost und Geborgenheit zu entzünden. Daraus entwickeln wir den Mut, um weiter zu leben. Wir können unsere Ängste und unsere Trauer in liebevolle Erinnerungen verwandeln. Erinnerungen, die uns von innen wärmen und uns unser Lachen zurückbringen. Kraftvolle Augenblicke entstehen, die die Macht besitzen, Kummer und Schmerz zumindest für einen kleinen Moment zu vergessen. In diesen besonderen Augenblicken sind wir einander besonders nahe und verbunden, wir fühlen miteinander. Wir teilen Freude und Leid. Sicherlich können wir den Schmerz und den Leidensweg von Menschen nie ganz vergessen oder gar ungeschehen machen, aber wir nehmen dem Tod seinen Schrecken. Der Trauer nehmen wir die Kraft, uns zu lähmen. Wir gewinnen Energie, die uns wieder frei atmen lässt. Liebevolle Erinnerungen und die Liebe selber können Tränen der Trauer in Freudentränen verwandeln. Dann blicken wir durch Augen, die mehr begreifen, als wir jemals sehen können. Aus dem Tod können Hoffnung und Kraft für unser Leben erwachsen.

 

Svenja Röhricht

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.