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Wenn du zum Studieren in eine fremde Stadt gegangen bist, hast du nicht viele Optionen. Niemand ist da, der dir erklärt, wie wertlos du bist. Niemand ist da, der deine Zeit für sich in Anspruch nimmt. Was machst du also? Du gehst nicht feiern. Die Menschen da draußen haben nur Böses im Sinn, das weißt du genau. Außerdem trinkst du nicht gern. Was sollst du also da? Hier hast du doch alles. Also meditiere. Fünf Stockwerke hoch. Im Winter kannst du das Fenster öffnen. Die kalte Luft wird dich deinen nackten Oberkörper spüren lassen, der aufrecht im Lotussitz ausharrt, deine Hände, deine Finger auf deinen Knien. So hast du dir dein Leben als Heiliger nicht vorgestellt. Der Stoff deiner Hose ist weich. Deine Beine darunter wärmer als deine Hände. Wie lange noch? Denk nicht an das, was du für Schüchternheit hältst. Es ist in Ordnung, dich zu hassen. Vielleicht werden einzelne Schneeflocken hereintreiben und auf deiner Haut schmelzen. Vielleicht werden sie nicht schmelzen. Denk daran, wie großartig es wäre, sechs Stockwerke hoch zu sitzen: Auf dem Flachdach deines Blocks, formschön in sozialistischer Einheitsarchitektur errichtet, wie von einem Kind, das mit Bauklötzen spielt. Drüben steht noch einer. Dein Dach sieht sicherlich genau so aus. Ein Rechteck, das in deiner Vorstellung ein Quadrat ist. Du sitzt in der Mitte. Kalt. Ist der Winter kalt? Ist die Luft kalt, der Schnee? Deine Lippen? Du kannst deinen Körper so deutlicher spüren. Aber ist dir kalt? Du weißt, dass es kalt ist, aber es fühlt sich nicht wie Kälte an. Kälte ist schlecht. Das hier bist du, und du erfrierst. Rational betrachtet weißt du das ganz genau, und rational betrachtet weißt du auch nicht, warum du es beenden solltest. Du könntest es beenden – du könntest aufstehen – du könntest dich anziehen. Essen. Trinken. Zurück auf die Erde steigen. Das könntest du alles. Wirst du anfangen zu husten, bevor du das Bewusstsein verlierst? Atme tief ein, durch die Nase. Deine Bauchdecke hebt sich. Atme aus. Sie senkt sich. Ein einfaches Spiel von Ursache und Wirkung. Körper sind leicht zu verstehen. Menschen sind leicht zu verstehen. Sie langweilen dich. Du willst dich nicht mehr verpflichtet fühlen. Atme ein. Deine Bauchdecke hebt sich, spannt sich in der Kälte. Atme aus. Deine Bauchdecke senkt sich, spannt sich in der Kälte. Du bist hier. Du bist allein, du spürst deinen Körper, das ist gut. Kälte ist ein Freund, der nichts verlangt, der nichts will, der nichts braucht, aber gibt. Das ist ein Segen. Du sitzt auf dem Dach, dein Oberkörper, schmal, asketisch, nackt. Eiskristalle zwischen den geschlossenen Lidern. Blaue Lippen. Erfrieren heißt, für immer hier oben zu bleiben. Nur du, die heilige Kälte und dein Körper, ein unfähiger Märtyrer, der selbst den Tod nicht verdient hat.

 

Tobias Reußwig

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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