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ani, mein kind, meine tochter ist tot. davon geschlüpft in der nacht.

 

ratlos die ärzte, die geschwister verstört, verwüstet die eltern – wir, ich. im haus überall ihre sachen, als wär nichts geschehen, sie aber aufgebahrt im schmuck ihrer rotbraunen haare. ihr antlitz, ihr körper gezeichnet von den vergeblichen rettungsversuchen, von den schnitten der obduktion. lilien, lavendel, die verlässliche ruhe der kerzen. das buch von der meerjungfrau, aufgestellt zu ihren füßen. draußen: leuchtet der sommer, es ist der erste montag im monat august.

 

wir halten totenwache von montagabend bis mittwoch früh: schlafen bei ihr im raum hinter einem paravent auf dem boden. gehen tagsüber abwechselnd auch fort, es ist so viel zu regeln; ganz allein aber lassen wir sie nie.

 

in der ersten nacht der totenwache, von montag auf dienstag, wirkt ani wundersamerweise noch wie belebt; ihre ganze freundlichkeit und friedfertigkeit hat sie um sich herum, eine sonnenaura, an deren glanz wir vier wächter uns wärmen dürfen. wir sitzen bei ihr stunde um stunde, ohne müde zu werden; spielen auf der gitarre für sie, singen, beten, erzählen ihr ganzes leben nach in dieser nacht; sind euphorisch fast, als es tag wird, aufgeladen, erfrischt.

 

dann aber die zweite nacht, dienstag auf mittwoch, so ganz und gar anders, so grauenhaft schwer:

deutlicher die verwesung; gerüche, flecken; zierliche fleischwasserfarbene rinnsale kommen unter ihren geschlossenen lidern hervor, es sickert aus den wunden und schnitten und sie zerfällt dir weg nach unwiderbringlich, obwohl du doch bei ihr sitzest und betest und singst und immerzu hinschaust, ihr die augen abtupfst, die hände, die stirne wieder und wieder berührst; unverändert nur bleiben ihre prächtigen braunwelligen haare, du möchtest die locken abschneiden am liebsten, du willst dich nicht trennen von einem kind mit so schönen haaren – doch die kälte wächst trostlos in ihr, an ihr, wirklich, wirklich: frühmorgens endlich wie marmor weiß und glanzglatt ihr gesicht: jetzt eine maske, ein totes bild, die wärmende aura erloschen: ani ist endgültig fort, sie hat alles vergessen, sie kennt uns nicht mehr. wir schließen den sarg.

 

wir warn ihr nahe, gingen mit ihr bis zum äußersten grat, sahen ihre veränderungen: die spiegelten den weg, den sie zurücklegte auf ihrer reise von uns fort.

nun ist sie in der halle am friedhof, bald müssen wir ihren körper zurückgeben der erde.

 

mir aber hängt der verwesungsgeruch in den haaren, lässt sich nicht auswaschen, weht mit auf schritt und tritt, dünn, ganz dünn, heimtückisch, wüst, unabweisbar und jetzt, jetzt gerade fühlt es sich an, als ob nichts mehr je wieder gut werden könnte.

 

 

pega mund

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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