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Zehn vor zehn. Zeit für die Nachrichten? Der starre Zeiger springt erst zur vollen Stunde. Doch ihm möchte das Herz vor Schmerz zerspringen. Für ihn gibt es kein Heute mehr, gestern ist wie morgen. Früher lief er wie ein Uhrwerk, doch nun ist er gefangen in seinem eigenen Gehäuse. Die innere Unruh, die treibt ihn um, doch nur, weil man ihm Hoffnung vorgaukelt, wo nur noch Verzweiflung ist. „Alles nur noch Schwindel!“, hat er einmal, als er noch konnte, bei der Visite gesagt. Neulich gaben ihm wenigstens die Medikamente Halt, weil sie plötzlich weniger wurden. Doch nun ist der Schrank mit den vielen Fächern wieder gut gefüllt.

Fünf vor elf. Besser, es wäre schon fünf vor zwölf. Er möchte am Rad drehen, damit dieser künstliche Lebenssaft schneller durch den Schlauch läuft. Wozu, wenn die bis zur Leblosigkeit verkümmerten Gliedmaßen nur noch durch weiße Mullbinden zusammengehalten werden? Seit er vor sechs, vielleicht auch sieben Wochen hierherkam, hat er jegliches Gefühl für Zeit, Raum und Nähe verloren. Verzweifelt dreht er sich von seinen Liebsten weg. Er meint das nicht unhöflich oder gar böse. Er möchte endlich in Frieden gehen. Doch das kann er niemandem mehr sagen.

Elf. Bald schlägt es zwölf oder dreizehn. Regungslos starrt er auf das sterile Zifferblatt der Quarzuhr an der Wand. Da ist kein Leben drin. Sehnsüchtig denkt er an das gleichmäßige Ticken seiner heimischen Standuhr. Doch statt einem Ticken hört er nur ein dumpfes Klopfen. Das dumpfe Pochen seiner Pumpe, die nach dem letzten Eingriff der Ärzte spürbar das Blut durch den Organismus jagt. Dabei waren die Mediziner doch so zufrieden: Operation gelungen, Patient lebt weiter. Fragt sich nur, wie.

Elf nach elf. Draußen klopft es immer lauter, die Trommeln und Schellen sind nicht mehr zu überhören. Es ist Fassenacht, doch statt an den närrischen denkt er oft an den himmlischen Reigen, ganz weit abgehoben von diesem irdischen Jammertal. Er hörte von einem verstorbenen Seelsorger, der lange Zeit die Obdachlosenspeisung draußen auf der Straße geleitet hatte und dessen Kollegen sich gewünscht hätten, er möge dort oben zum Festbankett des Herrn empfangen werden. Das klingt wie eine lohnende Aussicht. Jedenfalls lohnender als künstliche Ernährung in einem starren Körper, der nicht mehr gehorchen will.

Zwölf. Zwölf Uhr mittags. Man schaltet ihn endlich ab, es ist schon dunkel vor seinen Augen. Seine Nächsten sind längst vor seinem Blick verschwommen, seit sie sich von ihm verabschiedeten. Langsam wird es kalt in ihm, der ewige Frost kriecht von unten nach oben lähmend in ihm hoch. Die ewig pochende Pumpe wird langsam schwächer. Mal hier, mal da, fühlt der Arzt seinen Körper und fragt, ob er noch etwas spürt. Und dann zuckt sein Lid, das einzige an ihm, das sich noch regen kann. Ein letzter Gedanke durchzuckt ihn, eine Erinnerung an Sokrates, ohne selbst in jenen allerletzten Sekunden zu wissen, was man nicht wissen kann. Dann weicht jegliche Farbe aus ihm. Die Uhr ist stehengeblieben. Für immer.

 

Gernot Gottwals

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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