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Ich komme sehr viel herum. Im deutschsprachigen Raum zumindest. Des Berufes wegen. Ich bin aber kein Vertreter. Das möchte ich gleich zu Beginn klarstellen. Ich schwatze niemandem etwas auf. Ganz im Gegenteil. Ich werde stets eingeladen und führe dann dieses oder jenes Produkt vor. Über den Kaufpreis und die Stückzahl wird dann im Nachgang verhandelt, das übernimmt ein Kollege von mir … Aber ich schweife ab. Zurück zum eigentlichen Thema. Ich komme, wie gesagt, sehr viel herum. Entweder mit dem Zug oder mit dem Flugzeug. Das bedeutet, ich warte sehr viel in verglasten Bahnhofsvorhallen oder Terminals (gibt es überhaupt noch nicht verglaste Bahnhofsvorhallen oder Terminals?). Durch die Warterei ergeben sich die Gespräche mit anderen wie von selbst. Es sind unverbindliche Gespräche. Auf eine Vorstellung der eigenen Person wird gänzlich verzichtet. Namen spielen keine Rolle, auch wenn man sofort beim Du ist. Dass ich gern erzähle, merkt man ja, aber ich lasse auch gern meine Gegenüber erzählen und höre zu, frage nach. Wenn einer erzählt, tauchen unweigerlich weitere Akteure in der Geschichte auf, die dann, so geht es mir zumindest, wie Geister um den Erzähler herumschweben. Vor Kurzem war das tatsächlich so, nicht nur im übertragenen Sinne. Ich plauderte mit einem Rucksacktouristen oder Backpacker, wie er es nannte. Ein Bursche, gerade mal neunzehn Jahre alt. Er hatte Südostasien ein Jahr lang bereist. Malaysia, Singapur, Laos, Kambodscha, Vietnam und viele andere Länder, die ich zum ersten Mal hörte. Arnsberg, Gera und Weiden sind mir vertrauter. Ich löcherte ihn, wollte wissen, was er alles Tolles erlebt hatte, aber dafür ist mit Blick auf die Uhr jetzt keine Zeit. Wichtiger ist etwas anderes, der Schluss. Ich konnte mir natürlich die Frage nach dem Geld nicht verkneifen (typisch deutsch, ich weiß). Wie hatte er sich die sicherlich nicht billige Reise finanziert? Geld vom Papa? Oder hart erarbeitet? Er wurde ernst und bestimmt. „Ich habe das Geld“, so sagte er, „von meinem besten Freund erhalten.“ Das Wie-großzügig blieb auf meinen Lippen. Der Freund und er hatten beide gespart und gejobbt, um sich nach dem Abi eine dreimonatige Reise leisten zu können. Aber im letzten Schulwinter war der Freund schwer vom Rad gestürzt und ins Krankenhaus gekommen. Die Kopfverletzung war so gravierend gewesen, dass die Ärzte nichts machen konnten. Er war wenige Tage später gestorben. Bei der Beerdigung hatten die Eltern des Toten zu dessen Freund, dem jungen Mann gesagt: „Du bekommst das Ersparte, geh auf die Reise. Was du erlebst, wird auch Felix erleben.“ Es war unerheblich, dennoch bat ich den jungen Mann, den Namen seines toten Freundes zu wiederholen. Felix. Wenn ich nun einen Backpacker sehe, heißt er für mich Felix. Und ich frage ihn immer, ob er bei mir im Taxi mitfahren will.

 

Markus Streichardt

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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