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Ich hätte gern einen Sarg in meinem Wohnzimmer stehen. Ich würde Dich einladen, Dich mit mir hinein zu legen.

Anfangs wusste ich nichts von Dir. Mein Opa starb. Ich wollte nichts von Dir wissen. Du gehörtest zu den anderen. Ich hingegen war jung und fühlte mich unsterblich, jederzeit bereit, Dir ein Schnippchen zu schlagen. Angst habe ich bis heute nicht vor Dir. Wozu sollte ich mir unnötige Gedanken darüber machen, wo Du mich hinführen könntest. Ich denke auch nicht darüber nach, wo ich hergekommen sein könnte. Angst habe ich vor Schmerzen, die ich nicht aushalten kann. Angst davor, meine Liebsten unvorbereitet zurückzulassen. Noch schlimmer ist die Angst, unvorbereitet von meinen Liebsten zurückgelassen zu werden. Wichtiges nicht versucht, nicht gesagt oder nicht getan zu haben.

Neuerdings besuchst Du mich häufiger. Meiner Mutter bist Du ein ständiger Gast geworden. Wenn Du sie mitnimmst, geht einer von zwei Menschen aus meinem Leben, die mich gekannt haben, noch bevor ich denken konnte. Ein Mensch, der immer hinter mir gestanden hat und für mich dagewesen ist. Der mich aber auch am meisten getriggert und mir dadurch unzählige Anreize zum persönlichen Wachstum geschenkt hat. Ich konnte die Geschenke nicht immer sehen. Und manchmal sind viele Geschenke auf einmal zu schwer zu ertragen. Tränen tropfen beim Schreiben dieser Zeilen im Rhythmus meines Herzschlages. Nicht eins, nein zwei Herzen klopfen in meiner Brust: das eine für Beständigkeit, das andere für Wandel. Ein Balanceakt, den Du mir zeigst.

Mein lieber Tod, nun bist Du fühlbar nah. Vermutlich warst Du immer schon bei mir oder gar ein Teil von mir. Ich kann Dir nicht böse sein, wenn Du mir wichtige Menschen wegführst. Wir alle leiden unter der Krankheit namens Sterblichkeit. Je eher wir unsere Sterblichkeit als solche annehmen und nicht mehr als Krankheit zu bekämpfen versuchen, desto eher öffnest Du uns die Augen für das Wesentliche im Leben.

Leider vergesse ich so schnell. Daher hätte ich gern einen Sarg in meinem Wohnzimmer stehen. Ich würde mich einladen, mich hineinzulegen. So könnte ich meinen Blick auf das Wesentliche lenken.

 

Jasmin

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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