375

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.

Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner, den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party, die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.

In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt, in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.

Doch trotzdem sterben viel zu viele alleine.

Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.

Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen, so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr, wie es aussieht, wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge, die der Mensch, nach allem was wir wissen, nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament, das abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.

Wir schließen dann die noch offenen Augen, nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an, weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.

Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischen Kraftakt eines gelebten Lebens in fünffacher Ausführung. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.

Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.

Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab, von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

 

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas Normales begreifen. Etwas, das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazugehört.

Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von „guter Hoffnung“ genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Das hat sich mittlerweile geändert. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen, die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten auch beim Tod umdenken, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.

 

Der Narkosearzt

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.