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Mein Opa, Taubenzüchter und Bergmann, schnitzte kleine Pfeifen aus Weidenholz und führte mir seine Luftgewehre vor. Er schoss absichtlich daneben, wollte die wilden Tauben vor seinem Schlag nur vertreiben, nicht töten. Er starb, als ich zwölf war. Er machte ein paar Schritte vor die Tür, fiel dann um und lag tot auf dem Gehweg, nur zwanzig Meter vom Hauseingang entfernt.

„Er hat gar nicht gewusst, dass er sterben muss“, sagte meine Mutter, seine Tochter immer wieder in den darauffolgenden Tagen.

Ihr mag diese Vorstellung eine Erleichterung gewesen sein. Mich erschreckte das mehr, als der Tod es vermocht hatte. Etwas so Wichtiges wie das eigene Ende nicht zu wissen. Und nicht mehr wissen zu können.

Das ließ mich lange nicht los.

 

Susanne Englmayer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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