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Seit Monaten begleitete ich in meiner Eigenschaft als ehrenamtlicher Hospizhelfer jetzt schon Herrn F., Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Ich bin oft zu ihm in die Nachbarstadt gefahren, wir haben uns unterhalten, ich durfte ihn fotografieren, er erzählte mir von seinen Abenteuern in den Bergen, von seiner Frau, die schon lange tot ist, von einem Problem, das ihn umtreibt. Ein kleiner alter Mann, auch in dieser von Schmerz und täglichem Verfall gezeichneten Lebensphase von geradezu ungeduldiger Neugier beseelt. Wir reden über alles, auch über Gott, von dem wir beide überzeugt sind, dass es ihn nicht gibt.

Nun liegt er in diesem Hospizzimmer, es ist Frühling. Das Fenster ist geöffnet, warme Luft strömt herein. Es riecht nach Leben, nach Aufbruch. F. steht auf, kramt eine alte Videokamera aus seiner Reisetasche und macht einen Schwenk durch den Raum. Auch diese, seine letzte Station, will er festhalten. In den Bergen, damals, hat er tausende von Bildern gemacht, akribisch sortiert und auf Festplatten gespeichert. Was soll daraus werden, Herr F.? Er schenkt mir viele der Bilder, Erinnerungen an große Momente dort droben.

Auch hier im Hospiz reden wir ausgiebig, ich höre ihm bereitwillig zu. Mit vielem hat er schon abgeschlossen, er ist fast gelassen, aber es gibt noch einige wenige Wunden in seiner Seele, die er gern geheilt sähe. Ich bin mir unsicher, ob meine Anwesenheit ihm dabei hilft. Aber einfach da sein ist gut für ihn, das spüre ich.

Manchmal bleibe ich auch nachts, ich warte, bis er eingeschlafen ist. In den letzten Tagen kommt es mir dabei zuweilen so vor, als ob er schon tot sei. Er nimmt rapide ab, seine Haut wird immer blasser, sein Gesicht ist fleckig. Liegt er so da, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen – reglos, sein Atem ist nicht mehr zu spüren – dann denke ich, jetzt ist er gegangen. Aber eigentlich mag ich diese Metapher gar nicht. Wo soll er denn hingehen? Ist er tot, so ist er weg, ganz weg, einfach nicht mehr da. Er ist dann da, wo er vor seiner Geburt war. Damals war er auch nicht da.

Gestern unterhalten wir uns über sein Lieblingsessen. Er hat keinen exquisiten Geschmack, mag eher Hausmannskost. Er schwärmt von der Buchstabensuppe in seiner Kindheit, seine Augen werden dabei ganz wach und leuchten. Kurze Zeit später verabschiede ich mich. Ich fahre nach Hause und koche eine nahrhafte Buchstabensuppe. Ich fahre wieder zum Hospiz und bringe Herrn F. diese Reminiszenz an seine Kindheit. Er freut sich, setzt sich im Bett auf und löffelt die Suppe. Er erzählt mir von seiner Kindheit, seine Stimme hat dabei nichts von Wehmut. Er hat sein Leben gehabt und mir scheint, es reicht ihm.

In der folgenden Nacht sitze ich an seinem Bett, meine Gedanken schweifen durch düstere Sphären. Manchmal bäumt sich sein kleiner dünner Körper auf. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, gibt es keine Lebenszeichen mehr. Die herbeigerufene Ärztin stellt den Tod fest. Ich bleibe noch eine Weile. Ich berühre seine Hand. Es entsetzt mich immer wieder, wie abstoßend, wie befremdlich menschliche Haut sich anfühlt, wenn da kein Leben mehr ist. Wenn das alles so kalt und steif ist. So leblos.

Ich denke oft darüber nach, ob diese Tätigkeit mir bei meinem eigenen Verhältnis zum Tod in irgendeiner Weise hilft. Ich empfinde den Tod als Feind, ich kann ihm nichts abgewinnen. Menschen, die in der modernen Hospizarbeit aktiv sind, verklären das ja oft. Der „gute Tod“, der Tod, der „zum Leben gehört“. Ich kann es nicht mehr hören. Ich bin noch nicht fertig mit diesem Leben, und wenn er kommt, so werde ich ihn hassen, diesen Scheißtod.

 

Reinhard Huchthausen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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