367

Seit meinem dritten Lebensjahr weiß ich, was der Tod bedeutet: Tränen, Schmerz, Endgültigkeit und keine Hoffnung, dass der verstorbene Mensch jemals wiederkommt. Hilflos und allein gelassen fühlte ich mich auch, als ich mit fünf Jahren meinen Vater verlor, der plötzlich an einer schweren Krankheit verstorben war, ohne dass ich dieses Sterben mitbekommen hatte. Plötzlich war er weg, nicht mehr auffindbar, ohne Gruß, ohne Kuss, ohne eine letzte Umarmung. Der Tod, der mich auch weiter begleitete, als nach und nach die Großmütter starben, der Bruder an Krebs erkrankte, die Klassenkameradin aus dem Fenster sprang, verlor nie seinen Schrecken. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen, Menschen auf diese Art zu verlieren. Meine Schwester, die irgendwann beschlossen hatte, ihre Familie und Freunde hinter sich zu lassen, auf keine Briefe und Telefonate mehr zu reagieren, sich tot zu stellen und alle im Ungewissen darüber zu lassen, was sie nun weiter mit ihrem Leben anfangen würde, sie hinterließ nicht dieses Gefühl der Ohnmacht in mir, nicht diese bodenlose Leere unter meinen Füßen. Was war daran so anders? Möglicherweise war es die Tatsache, dass sie sich dafür entschieden hatte, bewusst gegangen war, und ich diese Entscheidung einfach annehmen konnte. Schließlich ist es ihr Leben. Bewusst Abschied nehmen. Beim letzten Todesfall wurde mir klar, dass Sterben bewusst geschehen kann, dass es möglicherweise eine klare Entscheidung ist, längst in unserem Innersten gefällt. Mein Stiefvater ging leise, in Hingabe und mit erstaunlicher Klarheit. Wenige Monate zuvor war sein Bruder an der gleichen Krankheit qualvoll gestorben, mit Schmerzen, Schreien und Todeskampf. Nicht so mein Stiefvater. Er wusste, wie die Krankheit verlaufen würde. Wir alle wussten um die Ausweglosigkeit, sprachen nicht darüber, hofften auf das Wunder – und dennoch war klar, der Weg, der zu gehen war, war unausweichlich. Dieser Unausweichlichkeit setzte mein Vater keinen Widerstand entgegen. Er, noch wenige Monate zuvor ein vitaler, kräftiger Mann, wurde jeden Tag schwächer, nahm dies aber mit einem Lächeln hin und forderte nur das Eine: Zuhause bleiben dürfen. Im Wohnzimmer wurde das Bett so ausgerichtet, dass er in die Natur blicken konnte und den Vögeln beim Picken der Körner im Vogelhäuschen zusehen konnte. Es war Winter. Als es ihm nicht mehr gelang, rechtzeitig zur Toilette zu gehen und meine Mutter ihn wusch, sagte er nur: Da musst du jetzt durch. Nicht er musste durch, wir mussten durch. Es war unser Prozess, unsere Auseinandersetzung mit dem Tod, mit dem Sterben und unserer eigenen Vergänglichkeit. Er selbst war längst mit sich im Reinen. Er war auf dem Weg. Ich bin sicher, seine tiefe Gläubigkeit half ihm dabei. Jeden Tag, so schien es mir, wurde er seliger, denn jeder Tag bedeutete, Gott einen Schritt näherzukommen. Ich saß oft still im Sessel neben ihm und wir sagten nichts. Mir war manchmal, als ob mich ein warmes, goldenes Licht umfing, wie eine weiche Umarmung. Ich musste an meinen leiblichen Vater denken und wie schrecklich ich ihn als Kind vermisst hatte, wie wütend ich damals auf den Tod gewesen war und wie versöhnt ich nun war. Das Sterben meines Stiefvaters war ein gutes Sterben. So würde ich es für mich auch wünschen. Alle hatten Zeit, Abschied zu nehmen. Trauerfeier und Beerdigung holten jedoch noch einmal mein Trauma hervor. Diese alten Rituale passten nicht zu all den Wochen davor. Wir hätten es alle leicht nehmen dürfen, leicht, heiter und sogar freudig.

 

Petra Kopf

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.