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Fundstück: Notizbuch, Treppenhaus, 2.–3. O.G./1.3.2015

29.2.

In der Hoffnung auf eine Antwort oder eine Reaktion, einen Ausweg, bringe ich es zu Papier. Alle fünf Minuten hebe ich den Arm, sonst sitze ich im Dunkeln. Der Bewegungsmelder muss aktiviert werden. Es ist grotesk, dass diese Technik noch funktioniert, wo sich sonst alles verschworen hat. Am schlimmsten ist der Durst. Ich habe nichts zu trinken. Ich kann nur hoffen, dass jemand es schafft, mich hier zu finden. Es fällt mir immer schwerer zu sagen, wo ich bin. Ich habe nicht darauf geachtet. Meine Uhr ist kaputt oder … SONST WAS! Ich habe die Stockwerke nicht gezählt. Ich habe meine Sachen genommen, bin zur Tür raus, durch den Flur und die Treppe runter, wie an jedem anderen Tag. Mir fehlt jede Erklärung, was für einer Falle oder Täuschung ich danach anheimgefallen bin. Es kann nicht sein. Irgendwann kommt man unten an, das ist die größte Selbstverständlichkeit, so zwinge ich mich zu denken. Ich nehme oft die Treppe. Ich habe eine Abneigung gegen Fahrstühle. Selbst hier im Hochhaus mit fünfundzwanzig Stockwerken ziehe ich die Treppe dem Lift vor. – Ich wohne im siebzehnten Stock, links! Siebzehn Stockwerke sind zu schaffen, selbst nach oben. Ich warte nicht gern auf den Lift. Ich stehe nicht gern im Lift. Ich leide nicht unter Klaustrophobie, aber sofern ich es mir zeitlich leisten kann, nehme ich die Treppe, selbst HIER. Es war alles wie sonst! Wäre ich klaustrophobisch, so hätte ich dieses Treppenhaus gemieden. Ich wünschte, das hätte ich. NIEMAND nimmt das Treppenhaus. Was für ein Architekt baut so etwas? – Einen fensterlosen Schacht mit Waschbetonstufen und nacktem Stahlgeländer, die dunkle Seele des Hochhausturms, eine eckige Spirale, die sich mitten durch das Gebäude bohrt, in einem Schacht, der vielleicht nie endet. – GOTT! – Jetzt habe ich es selbst geschrieben, aber es kann doch nicht wahr sein. Ich bete, dass jemand kommen möge, und mich einfach rausholt. Machmal bleibe ich stehen und horche. Man kann nicht nach oben oder unten schauen, der Schacht ist dafür zu eng. Ich weiß nicht, wo ich bin. An jedem zweiten Absatz befindet sich eine Stahltür links an der Wand. Die Türen sind nicht gekennzeichnet. Eine Schlamperei der Hausverwaltung. Im siebzehnten habe ich mir die Tür gekennzeichnet. Aber unten braucht man das doch nicht. Irgendwann ist man einfach unten. – Alles war wie sonst: Ich gehe am Lifteingang vorbei, nehme die Eisentür daneben, durchquere den stinkenden Raum mit dem Müllschlucker und komme ins Treppenhaus, wo sich flackernd das Neonlicht einschaltet. Die Bewegungsmelder haben noch nie versagt. Diesmal aber nahm die Treppe kein Ende. Ich musste kurz ausruhen, da wurde es zum ersten Mal dunkel. – Ich versuche, klar zu denken. Kann im Dunkeln nicht denken. Irgendwann ist man einfach unten, so muss es sein. So ist es doch immer. Habe gedacht, ich müsste doch bald unten sein. Aber es ging tiefer. Der Durst ist unerträglich. Irgendwann kommt man unten an, im tiefsten Keller – muss schon viele Stunden hier sein, draußen ist es sicher schon Morgen – habe versucht, eine der Stahltüren zu öffnen, irgendwo, nur raus. Sie sind verschlossen, ALLE! – habe angefangen, wieder aufwärts zu gehen und dabei gezählt. Keine Tür ist gekennzeichnet, auch nicht nach siebzehn Stockwerken! – Es hört nicht auf, in KEINE Richtung. Ich werde wieder abwärts gehen, sobald ich in dieses Buch geschrieben und es auf der Treppe abgelegt habe. Irgendwann ist. Man soll es finden und meine Warnung – ZUR HÖLLE! – Geländer und Stufen, Waschbeton und graue Wände, Linksdrehungen abwärts. habe den Zeitsinn verloren. MUSS LACHEN, gehe tiefer als. Sagt meiner Frau, dass ich sie liebe

 
Frank Dukowski
 
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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