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Nun kommt die Nacht
Leiser die Stimmen
und die Bilder nah
Nun stirbt was wild
und grell sich gab
Nun zirpt der stillste Ton
und Herzschlag schwer
pumpt diese Angst ins Blut

Sitzt vor dem Gerät
der alte Mann fahl
flimmern
Glitzer und Glanz
ins dunkle
Zimmer abgewohnt
halbtaub
die Ohren trüb
das Sehn
ein kleines Lächeln
hie und da
und manchmal
eine müde
Geste so
rauschen Bilder
und die Zeit
vorbei vorbei

Diese Freude den Dingen zu genügen
im Meer sich treiben lassen
über schwarzem Grund
die hohen Berge ersteigen
dem Himmel so nah
dass das Herz springt
am Horizont
aus dünnen Schloten
weißer Rauch
immer geht etwas dahin
aber das Spiel der Glieder und Sinne
kennt kein Maß
sie wollen den Dingen genügen
selbst im Sterben noch

Alles fällt dem Ende zu
die Tage das Licht der Sand
im Glas der Honig schwer
kein Blatt bleibt am Baum
kein Wort hält

Der Stein des Anstoßes
Da zählen keine Halbzeiten
Die Zufälle reifen verlässlich
Der Tod kommt schön

Das Ich entkernt
noch pulst dickes Blut
und Schemen wandeln
durch rissiges Gemäuer
selbst sich fremd

Am Ende vielleicht
ein Klang
fernher im Kopf

Auch Bilder vielleicht
verstellt von Bitterkeit
die fürchten sich

Traurig will ich sein
den Weiden zum Trost
am Weiher

 

Reinhard Kettner

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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