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Unschuldige Kinder. Als kleines Mädchen begleitete ich fast immer meine Oma und Mama zu dem Friedhof im Ort, in dem beide aufgewachsen waren. Die beiden pflegten die Gräber meiner Urgroßeltern, die lange Zeit vor meiner Geburt gestorben waren. Bei jedem Wetter. Bei Regen. Bei Sonnenschein. Bei Schneefall. Bei Sturm. Während die beiden arbeiteten, wanderte ich, fasziniert von den Gräbern, durch die Reihen – die erste Reihe hinauf, die zweite Reihe hinunter, die dritte Reihe hinauf – und habe mir die Grabsteine angesehen. Ein Grab zog mich all die Jahre meiner Kindheit extrem an. Es war im Verhältnis zu den anderen Gräbern ein besonders kleines Grab mit einem schwarzen Eisenkreuz. Ich stand letztlich immer wieder vor diesem kleinen Grab und lief von dort aus zu meiner Mutter. Irgendwann, ich war mittlerweile etwas älter, hatte gerade lesen und rechnen gelernt, lief ich wieder einmal bei einem dieser Grabpflegebesuche die Reihen ab und blieb bei dem kleinen Grab stehen. Ein Name stand nicht darauf, dafür aber ein Geburtsdatum: der 28.12. – irgendwann in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich bin am gleichen Tag geboren – das ist der Tag der unschuldigen Kinder. Gestorben war das Kind knapp drei Monate nach der Geburt. Mir wurde bewusst, dass auch Kinder sterben können. Ich erinnere mich heute noch an das Gefühl, das ich damals empfand, als wäre dieser Moment der Erkenntnis vor zehn Sekunden gewesen. Ich spüre heute noch die Wärme der Sonne und den kühlen Wind eines frühen Apriltages. Ich rannte zu meiner Mutter, um ihr davon zu erzählen, ich war völlig aufgelöst. Bei dem toten Kind handelte es sich, wie ich von ihr erfuhr, um den Bruder meiner Oma, der als Zangengeburt an einem 28. Dezember zur Welt gekommen und bedingt durch die Schwere der Verletzungen, die man dem kleinen Kerl zugefügt hatte, einige Wochen später verstorben war. Er wäre der einzige Sohn meiner Urgroßeltern gewesen. Nachdem ich von dieser Geschichte erfahren hatte, änderte ich meine übliche Route und besuchte fortan meinen Großonkel als Erstes.

Einige Jahre später musste ich innerhalb eines Jahres von drei meiner Großeltern Abschied nehmen. Zuerst ging der Vater meiner Mutter nach einer schweren Krebserkrankung. Danach verschlimmerte sich die Demenz meiner Großmutter väterlicherseits so sehr, dass man die alte Dame in ein Heim bringen musste. An meinem Geburtstag, besagtem 28. Dezember, besuchte ich meine Oma dort und plauderte, lachte mit ihr. Da ich mich mit meinen Freundinnen treffen wollte, ging ich etwas früher. Ich verabschiedete mich und versprach Oma, bald wiederzukommen. Bevor ich das Sechsbettzimmer verließ, drehte ich mich um, lachte und winkte ihr zu. Sie winkte mir zurück und lachte ebenfalls, aber ihr Blick sprach Bände – in dem Moment wusste ich, dass ich sie das letzte Mal sah. Sie starb kurz danach. An ihrem Geburtstag im Februar erlitt ihr Mann, mein Großvater, einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Wenig später verstarb er. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an einen von ihnen gedacht hätte. Schmerzhaft, fröhlich – sie sind unvergessen.

 

Alexandra Pfeffer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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