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1.

Wie alt muss man werden, um kompetent über den Tod zu sprechen? Zwanzig genügt, locker, dachte ich mit vier, als ich noch regelmäßig fürchtete, am nächsten Morgen nicht mehr zu erwachen.

2.

Wie nahe muss der Tod mir kommen, wie viel Sterben muss ich gelesen und begleitet, wie viel sanftes Entschlafen, stückchenweises Verfallen, plötzliches Entrissenwerden beobachtet haben?

3.

Entziehe ich mich der Verantwortung, dem Erwachsenwerden, dem Leben selbst, wenn ich (22, ledig, kinderlos) gestehe, dass ich so gut wie nichts über den Tod zu sagen weiß?

4.

Testament, Patientenverfügung, Organspende: Es ist so viel zu entscheiden.

5.

Ich denke manchmal, dass mir diese Welt unter ihrer Ladung Gottesdienste, Krimi-Serien und Hashtags gar keine Worte, kein Werkzeug übrig gelassen hat, so untröstlich menschlich zu sein, wie ich gern wäre.

6.

Ich bin oft wütend, wenn ich U-Bahn fahre und niemanden weinen sehe. Wir Sterblichen sollten viel öfter weinen, sinnlos, eitel, nur eine Rolltreppenlänge lang.

7.

Ich hasse aber auch unseren Nachbarn, der unbeirrbar die Mondscheinsonate übt, immer wieder, wochenlang.

8.

Ich möchte nicht pathetisch werden. Und zugleich brauche ich nichts so sehr wie Erlösung, ein Leben danach, ein besseres am besten; ich giere nach Frieden, Weltfrieden, innerem Frieden, Gedichten und Requiems, Rettung und all den andern großen Dinge.

9.

Ist Trost möglich, ohne sich durch Hoffnung zu kompromittieren?

10.

Vielleicht brauchen wir ein Schulfach In Würde Sterben.

11.

Mir kommt der Tod manchmal vor wie ein billiger Vorwand, für Reue und Vergebung zum Beispiel.

12.

Ich schaffe es einfach nicht, mich vor dem Tod zu fürchten.

13.

Ich will nicht drüber reden. Ich habe Briefe nicht geschrieben, ich habe Dinge nicht gesagt und das wird nie mehr gut. Das ist schlimm, nicht nachzuholen und das tut so weh, dass ich manchmal selbst beim Geschirrspülen nicht weiterweiß.

14.

Das werdet ihr nie verstehen, denn ich bin ganz alleine damit und verflucht einsam.

15.

Wenn ich das sage, fürchte ich, dilettantisch einstudiert, hohl, unglaubwürdig, voll Meta-Ebene zu klingen.

16.

Ich will keine Phrasen dreschen.

17.

Bei meinem ersten, unvorbereiteten Kondolenztelefonat fiel mir nichts Empathisches, Tröstliches ein. Ich habe einfach nur „Scheiße!“ gesagt.

18.

Mir fällt immer noch nichts Besseres ein.

19.

Mir fällt nichts Witziges für meinen Grabstein ein.

20.

Ich weiß, dass das entweder infantil oder zynisch klingt, doch ich möchte bestattet werden wie auf dem Babyfriedhof: Windmühlen, Spielzeug, bunte Kerzen. Ich mag den Gedanken, dass meine Freunde des Friedhofs verwiesen werden wegen ausschweifender Gelage.

21.

Ich ertrage den Tod von Menschen deutlich besser, von denen ich glaube, dass sie „ihren Frieden gemacht haben.“

22.

Ich hoffe inständig, anderen geht es nicht so mit mir.

23.

Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren. Manchmal telefoniere ich dabei. Ich rechne immer, wie alt die Leute geworden sind.

 

Luan J. Kreutschmann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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