361

Meine Mutter bittet mich, beim Schwiegervater – ihrem Schwiegervater, meinem Stiefopa – den Buchbestand aussortieren zu helfen. Er ist derweil wohl für den Rest seines Lebens im Pflegeheim angekommen. Dorthin werden meine Eltern ihm später einen Sessel und eine überschaubare Auswahl Bücher nachliefern.

Von einer lange zurückliegenden Dachboden-Exkursion weiß ich ungefähr, was mich erwartet. Jedenfalls glaube ich es. In Wirklichkeit sind all die Dinge dort enttäuschend. Denn inzwischen habe ich gut ein Jahrzehnt der Flohmarkt- und Möbelscheunen-Streifzüge hinter mir und bin so abgebrüht, dass von einer verranzten alten Seemannstruhe voller vergilbter Bücher keinerlei Zauber mehr ausgeht.

Ihr Inhalt ist zum Teil furchtbar schlecht erhalten und zum Großteil der übliche Ramsch, bekannt aus unzähligen Flohmarkt-Grabbelkisten. Ein fahles Highlight sind die Familienfotos mit den zerbrochenen Glasrahmen. Wer sind diese Menschen? Meine Schwiegerstiefgroßtante, die deshalb in den kommenden Tagen eintrifft, wird die Gesichter zuordnen können. Opa kann es nicht mehr. Erst einmal staple ich die Bilder auf einen Extrahaufen.

Das verstaubte Regal neben der Truhe ist gefüllt mit Flugzeugmodellen. Wegen denen hat sich meine Mutter bereits beim einschlägigen Einzelhändler erkundigt: fertige Modelle will dort niemand haben, ungeöffnete Bausätze sind etwas beliebter. Keine Ahnung, wie oft pro Tag Angehörige genau diese Frage stellen und enttäuscht auflegen. Keine Ahnung, wie viele von denen ebenfalls kurz darauf beim Armeemuseum anrufen, wo man sie genauso freundlich abwimmelt.

Der übrige Dachboden ist leidlich gefüllt mit Ersatzfliesen, Spinnenleichen und bündelweise eingestaubten Zeitschriftenjahrgängen. Runter vom Dachboden und rein ins Wohnzimmer! Das Beste zum Schluss!

Auch hier ein großes Regal. Eines voller Bücher, die weitaus besser erhalten sind als die in der Truhe. Jedoch stellt sich heraus, dass mein Opa Touristikführer und Reisebildbände anhäufte. Nichts sonst. Hinter denen verbirgt sich leider keine zweite Reihe mit teuren Erstausgaben und Gesammelten Werken. Kein Safe, keine Sexhefte, kein Schnaps.

Dafür hat er irgendwann mal das Brockhaus-Lexikon abonniert und das kostete etwa hundertzwanzig Euro monatlich wegen der Ergänzungsbände. Vor uns stehen demzufolge regalmeterweise großformatige Wälzer – gleichzeitig im Wert von insgesamt sechstausend Euro und dem reinen Altpapierwert. Mutter meint dazu, dass Opa mit dem Lexikon allein schon deshalb nichts mehr anfangen könne, weil die Bände so schwer sind.

Wir verlassen resigniert die Wohnung, ohne Goldkörner im Gepäck. Nun haben meine Eltern die schwere Aufgabe, den Wohnungsinhalt größtenteils zum Recyclinghof zu fahren bzw. in die Sozialkaufhäuser der Umgegend zu verklappen.

Die Moral dieser Geschichte ist vermutlich unter anderem die, öffentliche Bibliotheken zu nutzen und sich ausschließlich ansonsten Unauffindbares in die Wohnung zu tragen. Aus Rücksicht auf die Nachwelt.

Andererseits ist es eventuell genau die richtige Einstellung zum Leben, in den eigenen vier Wänden verdammt noch mal genau das anzuhäufen, was einen interessiert. Rücksichtslos.

 

Pierre – @henscheck – Vlcek

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.