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Als die Wochen und Monate vergingen, in denen mein Vater zwar nicht vollständig gesund gewesen war, aber der Tod auch noch unendlich weit schien, waren meine Gedanken nicht annähernd so oft bei ihm, wie sie hätten sein sollen. Ich lebte mein Leben, als gebe es nichts, das ich verlieren könnte.

Erst, als es zu spät war, erkannte ich, wie wertvoll der Mensch war, den ich nun wirklich verloren hatte. Mein Papa war und ist für mich ein Vorbild. Und nun hatte er mich verlassen. Rasend schnell. Und ohne ein „Auf Wiedersehen“.

––– Meinem Papa ging es schon eine ganze Zeit nicht mehr gut. Die Krankheit zerrte an ihm, die Metastasen breiteten sich immer weiter aus und nahmen schleichend Besitz von ihm. Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit. Die Mitteilung meines Bruders eines Abends, dass dies nun tatsächlich die letzten Tage und Stunden meines Papas sein könnten, zogen mir dennoch den Boden unter den Füßen weg. Ich wusste nicht, wie mir geschah, musste weinen, war fassungslos. Es waren nur noch fünf Tage bis Weihnachten, und mein Vater sollte im Sterben liegen? Wie konnte Gott mir, uns so was nur antun? Ich telefonierte mit meinen Freundinnen, weinte mich am Hörer bei ihnen aus und teilte meiner Mitbewohnerin Katharina mit, dass ich am nächsten Tag nicht am WG-Weihnachtsessen teilnehmen könnte, weil ich nach Hause fahren würde, um bei meinem Papa zu sein. Die Nacht verging traumlos. Sie war lang. Und der Weg in meine Heimatstadt schien diesmal auch um viele Kilometer länger als sonst. Diese letzten Tage, letzten Stunden an seinem Bett waren für mich die schwersten meines Lebens. Ihn in dem Krankenhausbett liegen zu sehen und seinem schweren Atem zuhören zu müssen – diese Erfahrung werde ich nie wieder vergessen. Ich hielt seine Hand während den letzten Stunden seines Lebens und war mir dennoch nicht bewusst, dass es wirklich die letzten Stunden waren.

Ich war noch nie wirklich mit dem Tod konfrontiert gewesen – zumindest nicht persönlich. Natürlich weiß ich, dass wir sterben müssen. Trotzdem habe ich es nie richtig an mich herangelassen. Die Krankheit meines Papas begleitete uns nun schon seit Dezember letzten Jahres, dass er sterbenskrank war wussten wir auch bereits seit einigen Wochen. Aber selbst, wenn man es weiß, ist man sich dessen nicht richtig bewusst. Man lebt sein Leben weiter, als hätte dieses Schicksal keinerlei Bedeutung, als würde es nichts weiter sein, nur ein kleiner Stein im Weg, den man mit einem flotten Hopser überspringen könnte.

Die Monate in jenem Jahr waren schwer, immer wieder überschattet von schlechten Nachrichten. Aber es gab auch schöne Momente, zum Beispiel, als mein Papa nach der Chemotherapie in die Reha kam und der Kampf gewonnen schien. Dass die Krankheit so hartnäckig sein und selbst eine Chemotherapie überstehen würde, hätte in diesem Sommer niemand gedacht. Mein Papa war ein starker Mann. Im Frühjahr, als er einmal eine kleine zweiwöchige Pause von seiner Chemo bekommen konnte, sind meine Eltern noch einmal zusammen nach Kreta geflogen – und das, obwohl mein Papa Flugangst hatte. Er fand diesen Urlaub wunderschön – es war wohl der schönste seines Lebens.

Wenn ich an die Zeit vom 1. Dezember 2007 bis zum 22. Dezember 2008 denke, dann kommen in mir gemischte Gefühle auf. Wirklich gemerkt, was ich verlieren würde, habe ich erst, als ich es bereits verloren hatte…

 

Klaudia Seiter

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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