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Meine Großeltern starben. Doch obwohl dieses Ereignis mich sehr berührt hat, ist es in diesem Bericht nur der Auftakt zu einem zufälligen Erlebnis. Wir, das sind meine Geschwister, meine Eltern und ich, hatten recht schnell entschieden, dass wir versuchen wollten, einmal jährlich zum Grab der Großeltern zu fahren. Angepeilt war die Zeit zwischen Totensonntag und Weihnachten, wobei wir es dann oft von unserer Terminsituation abhängig machen mussten. Die Gräber sind in einem kleinen Dorf in Hessen. Bei einem Besuch ereignete sich die Geschichte, die ich nun erzählen möchte:
Als wir mit dem Auto zum Friedhof fuhren, überholten wir einen alten, gebückt gehenden Mann. Er war alleine unterwegs und hatte, wie wir später merken würden, das gleiche Ziel wie wir. Wir waren bereits angekommen und standen um das Grab der Großeltern, da betrat auch er den Friedhof. Zielsicher ging er zu einer Reihe, stellte sich vor ein Grab und blieb schweigend andächtig davor stehen. Nach einer kurzen Weile ging er dann zum nächsten Grab und blieb wieder schweigend andächtig davor stehen. Und Gleiches tat er auch noch bei einem dritten Grab und dann bei weiteren Gräbern. Wie viele es genau waren, habe ich nicht gezählt. Aber auf mich wirkte es so, als kenne er seinen Weg ganz genau und wäre ihn schon viele Male gegangen. Ich weiß nicht, ob es Verwandte oder alte Freunde waren, die er auf diese Art besucht hatte.

Doch wenn ich jetzt, Jahre später, an dieses Bild denke, wie der Mann von Grab zu Grab geht, dann spüre ich vor allem eins: Mit-Leid. Ich leide mit ihm mit. Ich trauere mit ihm.

Einige nennen den Tod „Gleichmacher“ und beziehen es auf die Menschen, die sterben und im Tode gleich sind. Aber vielleicht kann man es auch auf die beziehen, die leben – und trauern. Auch wenn jeder seine eigene Art zu trauern hat (und manche Art sicher auch ungesund ist) – wir alle trauern um die, die gegangen sind. Auch Jesus weinte am Grab eines Freundes (siehe Die Bibel, Johannes 11, 35).
„Aber“, könnte man einwerfen, „ist denn mit dem Tod wirklich alles aus?“ Das ist eine gute Frage. Einige Religionen, auch das Christentum, sprechen von einem Leben nach dem Tod – und dann enden Geschichten nicht auf dem Friedhof. Dieser Gedanke kann Trost und Hoffnung in der Trauer sein. Aber der Trost verdrängt die Trauer nicht. Wenn zum Beispiel die Bibel über die Ewigkeit spricht, dann steht da unter anderem, dass Gott die Tränen abwischen wird (Die Bibel, Offenbarung 21, 4). Aber das heißt auch, dass es auf dieser Erde Tränen und Trauer gibt – und wir dies ertragen müssen. Wir trauern um geliebte Menschen, die uns verlassen haben und die wir auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen werden. Daran leiden wir – wie gut, wenn wir nicht alleine leiden müssen.

 

Emanuel Kessler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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