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Sie macht sich einfach davon. So, wie sie es immer geplant hatte. Bloß keine Falten bekommen, nicht alt werden, ungelenk und vergesslich. Sie stiehlt sich langsam aus dem Leben. Lehnt jede Hilfe ab, bis diese zu spät kommt und die Ärzte ihr nur noch neunundvierzig Prozent Überlebenschancen einräumen. „Jetzt ist Schluss mit lustig“, flüstert sie mir ins Ohr. Da höre ich zum ersten Mal Bedauern in ihrer Stimme.

Ich bin wütend. Ich will, dass sie lebt. Ich will nicht, dass meine Mutter jetzt schon geht. Ich will noch so viel fragen, wissen, erleben, mit ihr, nicht im Gedenken an sie! „Streng dich an“, bitte ich sie im Stillen. „Sei stark, dann schaffst du es auch. Kämpfe!“ Meine schöne, stolze Mutter schaut mich mit ihren großen blauen Augen an und ich weiß, die Kraft reicht nicht für diesen Kampf. Ich bin wütend, weil ich an ihrem Bett sitze, sie aber nie an meinem gesessen hat, als ich krank war. Weil sie zu spät gemerkt hat, was es bedeutet, Mutter zu sein. Ich will, dass sie kämpft für mich, wenigstens einmal. Jetzt, damit wir die Zeit noch nachholen können, die wir all die Jahre versäumt haben. Ihr Körper lässt sie nicht, ist schon zu schwach.

Wir können Abschied nehmen, in dem Raum, vor dem jetzt eine Kerze steht, die den Tod verkündet. Aber wie geht das, in einem Krankenhauszimmer, das nichts mit meiner Mutter zu tun hat? Das Fenster steht offen, um der Seele die Möglichkeit zu geben, aus dem Körper zu weichen. Wo fliegt ihre Seele wohl hin? Gibt es einen Aufbewahrungsort für Seelen? Ich will nicht Abschied nehmen! Sitze unbeholfen da und schaue meine Mutter an. Sehe unter der Bettdecke nach, was von ihr übrig geblieben ist. Nicht viel. Ein Häufchen Mensch, mit einer Seele, die jetzt irgendwo anders zuhause ist. Ein neuer Tag beginnt. Der erste ohne sie. Jetzt ist Schluss mit lustig!

 

Stephanie Drescher

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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