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Als meine Gefährtin ging, stand ich still. Nicht mucksmäuschenstill. Also nicht derart, dass ich mich selbst um mein Stillstehen bemühen musste. Es war vielmehr ein Stillstand, der mir von Außen verordnet wurde – infolge des Abgangs meiner Gefährtin. Man könnte auch von einem Diktat des Stillstands durch den Abgang sprechen. Plötzlich wurde ich ein Lebloser und Erstarrter. Meine Gefährtin war mein Gefährt gewesen. Sie hatte, unbemerkt, kleine Rollen unter meinen Körper gesetzt und war mit mir davon gefahren. Sie hatte mich durch diese einsame Gegend gerollert. Als meine Gefährtin ging, löste ich mich auf in dieser leeren Landschaft. Erst stand ich noch da, aufrecht, eine lebende Statue – das Sinnbild des Stillstehens. Fest. Stark. Erstarrt. Doch dann begann in meinem linken Zeigefinger der Prozess der Auflösung. Der Zeigefinger zerfiel, verlor seine innere Bindung, die Zellen griffen nicht mehr ineinander. Der Zeigefinger hauchte davon wie ein Wölkchen am Julihimmel. Ihm folgten Ring- und Mittelfinger und dann, mit einem Paffen, als hätte man an einer dicken Havanna genuckelt, mein am Gelenk verdickter Daumen. Der kleine Finger dagegen verschwand ohne großen Aufstand. Spurlos. Als hätte er nie existiert. So begann der Zerfall meines Statue-Körpers. Die weitere Auflösung erinnerte in ihrem Ablauf ein klein wenig an das Einstürzen der Türme des World Trade Centers. Nachdem meine Gefährtin gegangen war, sich in einen Feuerball verwandelt und ich meine linke Hand verloren hatte, zog mein Haupt den Hals mitsamt Rumpf und Gestell zu Boden. Krawumm. Ich krachte zusammen. Es staubte. Die Schwebepartikel meines ehemaligen Körpers verdunkelten die Sonne, schillerten in ihrem Licht. Als letztes zerfiel mein kleiner Zeh rechts. Er ergab cirka zehn Gramm Sand. Denn inzwischen hatte sich die Einsiedelei in einen Strand verwandelt. Einen Strand an einem Sonntag im Sommer. Dicht bevölkert, so dass man das Meer kaum erkennen konnte hinter den Menschenmassen, die dort lang flanierten. Plärrende Kleinkinder zerrten ihre Väter oder Großväter hinter sich her, drückten ihnen Spielzeugschaufeln in die Hände. Die Männer gehorchten. Indem sie wie wild drauflos schaufelten, verjüngten sie sich rasant und wurden zu einer Schar halbstarker Schaufler, die von ihren Sprösslingen schreiend beaufsichtigt wurden. Sie schaufelten den Sand meines kleinen Zehs zwischen die Reste meiner Nase und trampelten alles fest. Die Spaziergänger marschierten über mich hinweg. Keiner von ihnen bemerkte mich. An diesem Sommersonntag am Strand, als meine Gefährtin für immer von mir ging.

Als meine Gefährtin ging

 

Bernd Wiesner

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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