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17 Jahre. Haare aufgestellt wie die Freiheitsstatue. Mit einer Art Bienenwachs aus dem Barber-Shop. Gibt’s bei uns nicht. In Kalifornien schon. Es gibt hier alles, was es nicht gibt und auch das, was es nicht alles gibt: Den ältesten meiner Verwandten. Thüringer Wertesystem, evangelische Predigten, noch bis die Sonne das letzte Mal an deine Brillengläser klopft. Mein Vater – Son of a Preacher Man – ich wie die Freiheitsstaue mit Baggypants. Uns trennen Welten, damals wie heute. Ich bringe Lindtschokolade aus Deutschland mit. Du bist aus dem Häuschen: Haus in einer Rentnersiedlung, du davor. Bewegungen wie ein kleiner Roboter. Freust dich, mich zu sehen. Wiederholst zwischen gemurmelten Ausrufen immer wieder, was auf der Verpackung steht „Dünne Scheibchen … dünne Scheibchen …“ – ich bin unsicher – 17 Jahre alt. Haben uns nie gekannt. Trotzdem verdanke ich dir meine Augen. Oma möbelt energisch im Haus herum. Wir reden drin. Ventilator summt. Hier ist es heiß und stinkt. Du erzählst wirres Zeug aus der Zeit vor dem Krieg. Altersflecken an den Händen. Hierher stammt der klarste Satz, der mir von dir geblieben ist: „Wenn du jemals die Chance haben solltest, ins gelobte Land zu reisen – dann tue es.“ Du verlierst dich wieder. Oma raunzt irgendwelche pragmatischen Anweisungen an irgendwen. Wenige Wochen später lande ich vor dem Jugendgericht – minimaler Drogenbesitz – doch hier, wo es alles gibt, gibt es da kein Pardon. Suspendierung von der Schule – der Druck und die Angst vor dem, was man in Deutschland darüber denkt, lassen unser Gespräch aus meinem Kopf verschwinden. Doch unsere Nähe war in just diesem Moment so groß, wie sie es nie wieder sein sollte. Wir sind nun seit 12 Jahren getrennt voneinander. Hätte ich in jener Situation samt Freiheitsstatuen-Frisur und Fatlaces in den Schuhen gewusst, wie sehr du mit deinen Hosenträgern und den haarigen Ohreingängen mir gegenüber sitzend heute noch in mir nachhallst, ich hätte gerne noch mehr als diesen einen Rat von dir empfangen.

 

Blanko Fiktschen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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