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Ich komme gerade aus Hamburg-Ohlsdorf und stehe an einer Kreuzung. Wenn ich gut bin, schaffe ich es einmal im Jahr, meine Ahnen auf dem größten Parkfriedhof der Welt zu besuchen.

Schon wieder so ein Steinzeitmännchen. Sie sind die Verkehrsampeln und Vogelscheuchen in der kanadischen Tundra. Inuit in Nunavut nennen diese Steinfiguren Inuksuit. Sie wissen genau zu unterscheiden zwischen aktuellen Wegweisern, die in besondere Jagdreviere führen, und denen, die vor Jahrhunderten schon von ihren Vorfahren errichtet worden sind. Letztere werden als Botschaften der Ahnen gelesen. Sie erzählen von den Landmarken der Vorväter, ihren gefahrvollen Plätzen, erinnern an kuriose Erlebnisse. Und im Halbdunkel der arktischen Nacht schrecken Karibus vor den Männchen zurück und laufen Jägern vor die Flinte. Die Ahnen der Inuit stehen eben nicht nur tatenlos in der Gegend herum.

Die fast erwachsenen Kinder fragen zum Jahresende hin immer: Wann besuchen wir denn mal wieder Opa, Uroma und Uropa in Ohlsdorf?

In Naturreligionen ist der Ahnenkult die tägliche Versicherung des Seins, der wichtigste Lebensinhalt und die wichtigste Lebensbegründung des Menschen. Die Lebenden sind eigentlich nur das Mittelglied in der langen Kette der Vorfahren und dem Leben nach dem Tod.

Was bist du denn dieses Jahr? Nicht schon wieder Sensenmann! Meine Älteste und ich werden in unserer alten rheinischen Heimat Karneval feiern.

Ahnenandacht? Totentanz! Die Aborigenes singen und tanzen, um den Klan-Totem zu erwecken. Mam in Mittelamerika feiern Todos dos Santos und maskieren sich, um schlußendlich die Feier in einem Pferderennen enden zu lassen. Dogon in Mali setzen ihre Masken auf und werden zu dem „Ahn“ und zugleich kommt das „Selbst“ wie das „Ich“ zum Vorschein. Masken sind wichtig für den Ahnenkult, denn sie überwinden Zeit und Raum: Die Maske ermöglicht die Reise in eine andere Welt und die Ahnen werden lebendig im Hier und Jetzt.

Vor zwei Jahren sind wir vom Rhein an die Ostsee gezogen. Zurück zur Familie, ein Grund und einer mit Gewicht.

Aber wie bitte schön ziehen Indigene mit den Heerscharen von Ahnen um? Wenn ein Yoruba, der Änhänger einer der westafrikanischen Voodoo-Kulte ist, sich ein Haus einrichtet, ob Hütte in einem Slum oder Villa in einem wohlhabenden Vorort, dann wird zunächst einmal in einem tagelangen Zeremoniell der Einzug der Ahnen in die Hütte vorbereitet. Erst wenn der Priester, der beim Bezug der Immobilie einen Sonderposten im Etat einnimmt, signalisiert: Es ist so weit, die Ahnen sind eingezogen, erst dann betreten die Lebenden die Wohnstatt. Von diesem Zeitpunkt an leben mehr Personen in diesem Haus als in einem modernen „säkularisierten“ Wohnblock.

Unsere neue „Hütte“ ist immer noch nicht wirklich eingeweiht. Unsere Altvorderen machen uns so einige Sorgen. Ich habe aber ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier gebracht: „… im blubbern der quellen | hörst du von früh bis spät ihr mahnen | im stoßgebet der wellen | kannst du die ahnen ahnen.“ Immerhin ein Anfang.

 

Hendrik Neubauer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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