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Von überall her siehst du mich an. Diese Augen, die ich doch gerade erst zum Schweigen gebracht habe. Kein Vorwurf steht darin, so bist du nicht, so warst du nie. Ich habe dich echt gemacht, so, dass ich dich lieben musste. Du hast die richtigen Entscheidungen aus den richtigen Gründen getroffen. Immer. Und jetzt habe ich dich getötet.

Es ist spät geworden. Ich habe ganz anderes zu tun und sollte mich nicht mit dir aufhalten.
Das war vorauszusehen, geplant, denn wer bin ich, den Lauf der Dinge zu verändern. Von Anfang an, von diesem ersten Moment, in dem du nichts getan hast, nur da warst, nur kurz durchs Bild gerauscht bist, seitdem war mir klar, dass du derjenige bist. Dass du sterben musst.

Als wir uns am nächsten waren, stellten wir fest, unsere kleine zwischenmenschliche Erzählung ist zum Epos geworden, zu dem großen Ganzen, zum Alles oder Nichts, das wir uns so gewünscht hatten. Da wurden Sorgen zu Angst. Die Angst, dass ich es am Ende nicht mehr kann.

Da hätte es noch gehen können, nur ich allein wusste doch von dir. Doch ich wusste auch, du würdest noch viel Gutes tun und rechtzeitig genug damit aufhören um nicht in Falsches zu geraten. Danach würde ich mich überwinden müssen. Denn es war in Stein gemeißelt, du musstest gehen. Ob jetzt oder bald, es würde zu früh sein.

Nun siehst du mich an, haselnussbraune Augen, ich habe dich nach dem Äußeren eines Unbekannten geschaffen, von dem ich den Blick nicht abwenden konnte. Er war so schön, so einfach, so wahr. Du hast seine unbeholfenen Bewegungen bekommen und den ihm angedichteten klaren Geist. Wirklichkeit ist in dir. War in dir. Ich habe sie gerade von dieser meiner Welt geschmissen. Mit Wucht. So einfach.

Habe stumm geweint, deinen Namen gemurmelt. Es half nicht. Auch die dritte Zigarette half nicht. Mit niemandem kann ich sprechen, denn niemand weiß, also schweige ich, trage unsere Welt zu Grabe, allein.

Und spreche mit deinen stummen Augen.
Du siehst mich an und wartest, weil ich etwas zu sagen habe. Nicht um deiner selbst Willen, nur, damit ich es ertragen kann.

Es tut mir leid. Es tut mir so leid.

 

Kiane l’Azin

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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