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Mama ist tot.
Mummicie ist tot.
Die alte Hexe ist tot.
Die einzige Mutter, warum war ich nicht ihr Ein und Alles?
Warum hat sie mir keine Nachricht hinterlassen?
Warum hat sie nichts für mich zurückgelegt?
Nichts für Robert, meinen Sohn?
Einzig für Armita hab ich die Elfenbeinrose gefunden, in der Mamas Kinderbild verblasst ist.
Sorry Armita. Ich bin die ungeliebte Tochter. Ich klau es mir.
Dies ist das Ritual, welches ich mit meiner Mutter habe. Sie beklauen.
Es ist nicht viel, aber irgendwas muss ich von ihr haben.
Ich habe noch einen Fünfzig- und einen Zehneuroschein gefunden.
Der Fünfzigschein, schräg von ihr mit einer Hand gefaltet, geht an mich.
Dies wird meine eiserne Reserve.
Robert bekommt die hundert Euro in einem alten Kinderportemonnaie von ihr, mit zwei alten Münzen aus Kaisers- und aus Hitlerszeiten.
Und sie liegt tot daneben und kann nichts mehr tut. Warum den letzten Willen achten, wenn er verworren ist und viele kränkt. Ich maße mir allerhand an.
Wer nicht aus Leid gelernt hat, bleibt einsam.
Auch diese Bibel klau ich hier und jetzt von deinem Totenbett. Die ewig Gestrige, benutzt sie diesen Wink, um auch dem Vater noch eins auszuwischen. Das Geschenk zur Hochzeit, der Austritt aus der Kirche, soll relativiert werden, ohne Umkehrbarkeit.
Der Worte wurden viel gewechselt, es blieben Hülsen nur.
Für Robert werd ich noch den Ottokar Domma klauen. Mamas Humor. Opa ist ein Egoist, er wollte gar nix rausgeben für mich oder meinen Sohn. Nun ja, ich helf mir selbst. Komme mir wie ein rumänisches Waisenkind vor. Keine Luft zum Atmen bekommt man in diesem Haus.
Hier im Thai in der Glasewalder Straße geht es mir besser. Lecker Sekt mit Entenfleischsuppe. Prost Mama, du hast es geschafft. Du bist im Himmel angekommen. Bestimmt bist du jetzt bei deiner Mama. Du ewiges Kind. Was soll man sagen zu so einem Leben?
Wie du dich von mir verabschiedet hast: „das verkehrteste was ich in meinem Leben gemacht habe, war zu heiraten und Kinder zu bekommen“.
Das sagst du mir, deiner auf ewig ungeliebten unerwünschten Tochter, auf die du immer eifersüchtig warst. Keine Nachricht nach diesem Bekenntnis. Kein Abschiedszeichen, obwohl du wußtest, dass du gehst. Einfach Essen und Trinken eingestellt und weggedämmert.
Ich habe dich immer geliebt.
Von Anfang an.
Warum konntest du das nicht erkennen?
Oft denke ich, du warst einfach zu dumm.
Es hat das Gefühl gefehlt, dieses Kriegsgeschädigtentrauma hast du einfach über uns alle ausgeschüttet, immer.
Hast dich nicht gewehrt gegen Jochen, sondern dich unterjochen lassen.
Ich habe so deinen Humor geliebt. Selbst wenn du wütend warst, nicht auf mich.
Aber wenn du die Kinder angeschrieen oder sogar geschlagen hast, dann hab ich dich gehaßt. Sogar verteufelt. Du warst oft so hart. So lieblos. Auch und vor allem mit dir selbst. Deshalb wohl.
Deine Mutter muss es auch gewesen sein. Ich hab gesehen, dass du nicht glücklich warst, eigentlich nie. Du konntest dich entspannen, wenn ich in deiner Nähe war. Gnadenlos hast du mir all deinen Hass und deine Bitterkeit anvertraut. Dich ausgekotzt bis fünf Zentimeter unter den Rand und mehr wolltest du nie erreichen. Ich hab dich nicht erreicht. Leise Worte verschwanden in deinem Körper-/ Seelen-/Geistuniversum wie in einem schwarzen Loch.

Mein Bruder weint wie ein Kind. „Dass ich nicht da war, dass ich nicht bei ihr war.“ Naja, du hast es selbst entschieden. Der Jahresurlaub ist ein wichtiger Funfaktor im stressigen Alltag eines Alleinerziehenden mit zwei kleinen Kindern. Sie hat seit Jahren nur auf dich geschimpft, dass du nicht bei ihr lebst, mit ihr. Die Welt zu verstehen, hat sie keineswegs versucht. Sie hat so gelitten.
Als ich weggezogen bin, hat ihr das den Rest gegeben. Aber ich habe keine Schuldgefühle. Ich konnte in der Nähe meiner Eltern nicht glücklich sein. Pete sagt auch, sie seien traumatisiert. Ja, doch was hilft mir dieses Wissen in meiner ohnmächtigen Wut?
„Sorry for your loss…“, schreibt er.
Ist es nicht eher eine Erleichterung?

Opa sollte auch gleich sterben, dann kann ich dieses Kapitel endlich beenden. Den Schmerz ausweinen, mich durchatmen und für neue Wege öffnen. Leider sieht er noch sehr gesund aus. Und er möchte mit einer dreißigjährigen Frau zusammenleben, die ein drei- und ein achtjähriges Kind hat. Der dreht komplett am Rad. Mutti liegt nebenan und ist noch keine zwei Stunden tot. Er faselt von Erotik. Dreißig Jahre Pflege ohne Gefühl, nur wegen des Gewissens, lassen einen wohl dann doch psychotisch werden. Ich verbiete ihm den Mund und trainiere Realitätsbezug. Was hat sie denn zu dir gesagt? „Mir hilft auch niemand in den Mantel.“ Mein Blick spricht tausend Worte. Irgendwas ist noch bei Sinnen in ihm, er wird wieder still und ruhig. Wahrscheinlich wird er 92 und grünt und blüht nochmal jung.

Endlich allein. Opa hat mich zum Zug gebracht. Wir haben vorher noch im Marché lecker gegessen. Jetzt fühl ich mich ausgeschissen und befreit. Meine Gesichtsmuskeln entspannen sich und ich lass mich im Zugabteil hängen. Noch nie vorher hab ich so mein Rückgrat gespürt. Ich hab eines und so kann ich alles drumherum einfach fallen lassen. Ich hab einen dicken Bauch bekommen, aber dafür schäm ich mich nicht mehr. Ich hab mir ein grünes Hemd, zwei hässliche Pullover, die ich sicher nie anziehen werde und eine lustige Mütze für Silke von Mama ausgesucht. Und noch ein Lavendelkissen. Wir haben uns das Leben nie richtig schön gemacht. Meine Mutter hat so festgeklebt an diesem tyrannischen Vater. Sie wollte weder, dass ich ihr zärtlich die offenen Beine verbinde noch, dass ich mit ihr bummeln geh. Lieber den Vater nicht kränken in seiner allmächtigen Wichtigkeit für dich. Wie widersprüchlich ihr doch seid, wart. Ihr habt nicht nur mich und meinen Bruder windelweich geschlagen, sondern die Enkel auch gleich mit. Herr Professor, da denkt man, die müssten denken können. Denkste. Dich, Mama, haben sie echt von der Grundschule geschmissen, weil du den Kindern als Lehrerin schallende Backpfeifen gegeben und wilde Vorwürfe gemacht hast.

Bei mir hat sich irgendwas total entspannt. Sie kann nun niemanden mehr verletzen und durch ihr Leid, aus eigener Unfähigkeit entstanden, niemanden mehr belasten. Sie hat mich so sehr belastet. Wegen ihr hab ich ewig diese helfenden Berufe gewählt. Seit ich zwölf bin, hat sie sich aus jeglicher Verantwortung geflüchtet und in die Krankheit gerettet.

Ich bin am zweiten Abend, als Mama noch tot im Haus lag, zu Mario gefahren. Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Es kam sicher sehr spontan. Ich glaube, ich kenne ihn besser als er sich selbst. Deshalb hängt er auch so an mir. Ich erkläre ihm hartherzig, wie er ist. Er hat geweint, als ich abgelehnt hab. Männer können so empfindlich sein. Das überrascht mich ständig aufs Neue. Wenn ich sie mit meinem harten Vater vergleiche. Mal sehen, wie er sich jetzt macht. Vielleicht macht er ja einen Verkehrsunfall. Naja, nicht so viel Angst aus einem Nein entwickeln. Wichtig ist doch, dass man sich begegnet. Rücksicht nimmt. Wärme gibt und bekommt. Zuhören ist überhaupt das Wichtigste für Begegnung. Aber gleich heiraten … immer mit der Ruhe.

Warum finde ich die Worte nicht, mich vorzustellen? Es hat nie einer zugehört.
Nun fällt eine Last weg, dieses nicht wahrgenommene Dienen.

Sie war in ihrem ureigensten Sein sehr bodenständig. Nur leider ungeduldig. Ihr Herz war nicht bewohnt, genauso wie der Verstand nicht.
Sie konnte sich mental nicht aufbauen. Sie hat einfach auf alles geschissen. Selbständig denken lag ihr überhaupt nicht. Sie wollte eigentlich immer Gärtner werden. Und so war sie auch. Anteilnehmend an den Jahreszeiten und dem Werden und Vergehen der Pflanzen. Menschen hat sie nicht geliebt. Sich selbst auch nicht so. Sie hat sich einfach nicht so wichtig genommen. Sie hat sich mit der Natur verbunden gefühlt. Ein Teil von Mutter Erde. Deshalb ist ihr auch die Vorstellung vom Tod nie schrecklich erschienen. Endlich Ruhe. Endlich vorbei. Wobei sie trotzdem gern am Leben war, wenn sie nur regelmäßig aufs Klo gehen konnte.

Manchmal wäre ich gern einfach nur so. In dieser Hinsicht. Sie wollte eigentlich alleine leben. Vor vielen Jahren schon, da hat sie mir einmal dieses Buch geschenkt. Als sie mal wieder dachte, sie würde jetzt nun doch für immer gehen.

Dieses Buch über eine Schauspielerin, die mit siebzig noch neue Männer eroberte. Das, ja das ist deine Wahrheit, mit der du als versteckte offene Botschaft mein Leben vergiftet hast. Sie hätte sich gern von Opa getrennt. Sie war alleine jedoch nicht mehr lebensfähig, halb gelähmt und ohne Disziplin. Sie hat sich nie um ihre eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten gekümmert. Vermutlich wollte sie nur nicht mehr angeschrien und rumkommandiert werden. Das wäre ihr gutes Recht gewesen. Aber sie hat sich nicht durchgesetzt. Sie hat sich auch keine Mühe gegeben. Nicht nachgedacht. Nicht gefühlt, was sie anrichtet mit Worten und schon gar nicht reflektiert. Eine Zweijährige.

Sie hat die Augenbrauen beim Trinken immer hochgezogen. Und sie hat ihre Kleidung einfach zerschnitten, wenn sie sie nicht mehr anziehen wollte. Es war teure Professorengattinnenkleidung. Ihre Tochter, die manches hätte tragen können, kümmert sie dabei nicht. Sie hat bei allem nur das Schlechteste vermutet und gehässiges Getratsche erwartet. Deshalb wohl.

Ich vermisse nicht, dass nun alle Mutterliebe vorbei ist. Ich genieße es. So hart warst du.
Trotzdem trage ich dein Bild in meinem Herzen. Dein Humor ist wie auch immer auf mich übergegangen. Sogar auf Robert. Es ist immer was, das bleibt.

 

Renesmee Farnbauer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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