336

An einem Tag, der kommen wird, steh ich morgens auf der Straße und erkenne nach Jahren, in denen Du tot warst, an einem Menschen in der Ferne Deinen Gang. Ich weiß noch das karierte Hemd (von einem Deiner Brüder, viel zu groß) & die abgeranzten, ausgelatschten Turnschuhe.
Du bist es wirklich & wie Du den Kopf unterm Arm die Straße runter rennst, könnt man denken, es wär alles ganz normal. Nur das Pfeifen kommt von etwas tiefer unten & eine Kragenweite enger bist Du auch.

Da bin ich platt. Da schau ich her hinter Dir, schau, wie Du mit dem Riesenkopf die Straße runtergehst. Trophäe eines allzu kurzen Lebens. Statuiertes Exempel einer Kritik der Moral.

An einem Tag, der kommen wird, steh ich morgens am Bahndamm und schaue Dir zu, wie Du Haare aufsammelst, Deine Haare, Deine Dreadlocks von den Schienen am Gleis drei. Mit ernstem Fleiß hältst Du den Kopf ins Gebüsch wie ’nen Suchscheinwerfer, greifst hinein & ziehst Büschel heraus. Nach zehn Jahren Schlaf unternimmst Du jetzt doch eine etwas verspätete Rekonstruktion.
In meinen Ohren – sitzen fest an mir dran – erhebt sich ein’ Moment lang ein Gemurmel, ein satanischer, wüster Gesang. Dann ist es still auf einmal, nur das Hämmern eines Spechtes an der Borke eines Baumes & das Läuten der Glocke am Bahnübergang. Langsam drehst Du Dich um zu mir.
Dein Gesicht lächelt lässig in die Seite gestemmt.
Dein abgerissener Kopf sieht aus wie neu.
Du winkst mir zu. Wir blicken uns an.
Sorrow is worn out joy…

„Danke, dass Du aufräumst“, bringe ich endlich heraus.
Doch da rauscht schon der Zug durch den kommenden Morgen & eh ich’s begreif, bist Du auf und davon.

 

Elisabeth R. Hager

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.